闇え(Yami e) – In die Dunkelheit
In einem Traum bin ich in der letzten Nacht nach Ayabe gereist. Ich übte zusammen mit Ueshiba Morihei die über Jahrhunderte geheim gehaltene und nur in den Reihen der Takeda-Familie weitergegebene uralte Kunst des Aiki-Jujutsu. Aus dem Bauch heraus improvisiere ich eine Folge von Bewegungsabläufen, als ich plötzlich das Gefühl habe, auf eine andere Wahrnehmungs- oder Bewusstseinsebene versetzt zu werden. Ich finde mich in der Halbwirklichkeit des unheimlichen Tals wieder. Es ist dunkel und Ueshiba ist fort.
Obwohl ich allein bin, fühle ich die geborgene Gesellschaft von etwas Vertrautem. Die Finsternis hier ist mir ein Freund. Wie ein Mantel legt sie sich schützend um mich. Sie heißt mich warm willkommen, umarmt mich verheißungsvoll und ich verschmelze mit ihr zu einem einzigen Selbst, verschwinde regelrecht vor meinen eigenen Augen. Ich weiß nicht wie oder warum das passiert.
Ich erwache ausgeruht und lasse mir das Frühstück auf mein Hotelzimmer bringen. Koyata lässt sich nicht lumpen und hat uns im besten Haus am Platz einquartiert. Wenig später verabrede ich mich mit Mycroft und wir lassen uns zu den Mitsubishi-Shipyards fahren.
Mycroft versteht sich gut mit den japanischen Ingenieuren. Die ersten Gespräche und Analysen fanden bereits am Abend unserer Ankunft statt. Wir sind erst um Mitternacht ins Bett gekommen. Gestern gingen die Arbeiten weiter. Sowohl Mycroft als auch die überwiegend jungen Ingenieure sind mit Begeisterung dabei, bei Verständigungsproblemen helfe ich aus und wenn alles gut läuft, werden wir bis heute Mittag fertig sein und unsere Rückreise nach Europa antreten können.
Es läuft alles planmäßig. Wir beladen das Flugzeug. Koyata kommt persönlich vorbei, um uns zu verabschieden. Er wirkt hochzufrieden und verleiht seiner Freude über diese erfolgreiche und fruchtbare Kooperation Ausdruck.
Wir starten und fliegen zunächst in einer Nordschleife in Richtung der Unglücksstelle der Bombay Star. Mycroft erhofft sich aus der Luft Hinweise zum Hergang der Havarie oder anderes, doch unser Vorhaben ist nicht von Erfolg gekrönt. Das Unglück liegt schon zu lange zurück.
Wir drehen bei und nehmen Kurs auf Hongkong. Am frühen Abend landen wir und mieten uns nach der Regelung der Einreiseformalitäten in einem gehobenem Hotel in der Nähe des Aerodroms ein. Mycroft ist sichtlich froh, wieder britischen Boden unter den Füßen zu haben. Er ist zum Feiern aufgelegt. Er versucht, mich zu überreden, ihn bei seinen Vergnügungen mit Glücksspiel und Frauen zu begleiten, doch ich lehne ab. Mycroft stutzt, als hätte er nicht damit gerechnet, dass ich nicht mitkommen könnte.
“Nun gut”, sagt er, “ganz wie du meinst.” Wir verabschieden uns und ich wünsche ihm viel Spaß. Ein fröhliches Liedchen pfeifend macht sich mein Freund auf den Weg in das Hongkonger Nachtleben.
Ich selbst gehe in den Garten des Hotels. Er ist nur spärlich beleuchtet, was mir entgegen kommt. Ich versuche, die Kata, die ich letzte Nacht im Traum geübt habe, zu wiederholen. Ich erinnere mich nicht an Details des Bewegungsablaufs, probiere verschiedene Varianten aus, doch es gelingt mir nicht, dieses Gefühl des Verschmelzens mit der Dunkelheit wieder hervorzurufen. Dennoch glaube ich, dass die Antwort auf die Frage, die ich selbst noch nicht einmal ganz kenne, in der Kampfkunst liegt. In einiger Entfernung sehe ich Kuro über die Dächer streifen. Er beobachtet mich und scheint meine Bemühungen wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen. Sein Erscheinen gibt mir Zuversicht. Ich bin auf dem richtigen Weg. Aber wohin? Das weiß ich selbst nicht.









