Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

評議 (Hyōgi) – Verhandlung

Wir nehmen den 8-Uhr-Zug nach Nagasaki – die erste von drei Direktverbindungen am Tag. Am Bahnhof gebe ich ein Telegramm an Iwasaki Koyata auf und unterrichte ihn über meine geplante Ankunft. Die Fahrt dauert acht Stunden, so dass wir am Nachmittag in der Hafenstadt ankommen. Wir machen uns direkt auf den Weg zu den Mitsubishi-Werken, wo Koyata mich bereits in seinem Büro erwartet und empfängt. Nach dem Austausch üblicher Höflichkeiten, stellt Koyata mir eine Frage, mit der ich nicht gerechnet habe. “Wie steht es eigentlich mit eurer Loyalität dem Tennō gegenüber, Haruka-san”, fragt er. Ich bin irritiert. Warum diese Frage?
“‘Es gehört Mut dazu, die Autorität des Tennō offen anzuzweifeln. Wohin sind Ihrer Meinung nach Susanō-no-Mikoto und Kunitokodachi-no-Mikoto geflohen?’ Waren das nicht Eure Worte, Haruka-san?”
Ich spüre, wie mein Herzschlag schneller wird. Woher weiß er von diesem Gespräch, das ich vor knapp zwei Monaten in Ayabe mit Deguchi Onisaburō geführt habe? Und warum erwähnt er es jetzt? Onisaburōs Worte haben tatsächlich Zweifel in mein Herz gesät oder besser, die schon vorhandenen Zweifel in meinem Herzen verstärkt. Der Taisho-Tennō ist ein schwacher Mann. Er leidet trotz seines jungen Alters von 42 Jahren an körperlichem Zerfall und hinter vorgehaltener Hand munkelt man gar, der Tennō sei geisteskrank. So etwas aber offen verlauten zu lassen, käme fast einem Staatsverrat gleich. Ich fühle mich in die Enge getrieben. Allein Koyatas Kenntnis darüber, dass ich mit jemandem zu tun hatte, der den rechtmäßigen Herrschaftsanspruch des Tennō tatsächlich offen anzweifelt, macht mich erpressbar, egal worüber er mit mir verhandeln möchte. Immerhin war ich vier Wochen lang in Ayabe.
“Zweifelt Ihr etwa an meiner Ergebenheit gegenüber unserem Tennō, Koyata-san?”, frage ich ernst.
“Nein, keineswegs”, antwortet Koyata, “daher habe ich auch keinen Zweifel daran, dass Ihr meinem Wunsch mit Freuden nachkommen werdet. Ihr habt ein interessantes und modernes Flugzeug. Wir möchten das Flugzeug mit Eurer Erlaubnis gerne verstehen lernen. Wir erhoffen uns daraus neue Erkenntnisse für die Aeronautik, mit der wir unserem Tennō zu großem Ruhm verhelfen können. Wir würden die Maschine gerne zwei Tage lang studieren.”
“Das kann ich nicht entscheiden, Koyata-san”, erwidere ich, “Ihr erliegt bedauerlicherweise einem Irrtum. Es ist nicht mein Flugzeug, sondern das meines Freundes, Mr. Winterbottom.”
“Dann werdet Ihr ihn doch sicherlich überzeugen können”, meint Koyata , “überlegt es Euch.” Mit diesen Worten verlässt er das Büro. Mycroft, der in einem Vorraum wartet, nickt er kurz zu.

Ich fühle mich mies. Koyatas Wunsch nicht zu entsprechen, könnte Konsequenzen haben, die sich nachhaltig auf mein Leben auswirken. Eigentlich traue ihm nicht zu, mich derart ins Messer laufen zu lassen, doch Macht und Einfluss können Menschen in ungeahnte Richtungen verändern. Betreten verlasse ich das Büro, um mit Mycroft zu sprechen.

“Ich habe ein Problem”, gestehe ich ihm, “ich muss dich um etwas bitten, um das ich dich nicht bitten möchte.” Ich erläutere ihm Koyatas Anliegen und auch, dass die Ingenieure von Mitsubishi die neuen Erkenntnisse umsetzen und daraus neue und bessere Technologien entwickeln werden. Mycroft ist meiner Erwartung gemäß nicht sehr begeistert von der Idee, sein Flugzeug für Forschungszwecke einem ausländischen Unternehmen zur Verfügung zu stellen, ohne etwas dafür zu bekommen.
“Das läuft hier bei uns ein bisschen anders”, erkläre ich, “eine direkte Bezahlung für solche Dienste ist unüblich. Geld dafür zu fordern, käme einer Beleidung nahe, aber du tätest Herrn Iwasaki einen großen Gefallen und Gefallen werden in diesem Land nicht vergessen, sondern bei Gelegenheit mit Freuden erwidert. Iwasaki-san ist ein Mann von Ehre und mit großem Einfluss.”
Mycroft ist noch immer nicht überzeugt. “Ich möchte gerne selbst mit deinem Freund verhandeln”, sagt er, “meinst du, das geht?”
“Das werden wir gleich sehen”, antworte ich. Koyata kommt in diesem Moment zurück.
“Nun, Haruka-san, wie habt ihr Euch entschieden?”, fragt er.
“Ich habe entschieden, dass Mr. Winterbottom entscheiden soll”, antworte ich. Koyata ist zu meiner Erleichterung einverstanden, mit Mycroft zu verhandeln und bittet uns nun gemeinsam in sein Büro. Koyata erklärt nun auch meinem Freund sein Anliegen, die Martinsyde ausgiebig studieren und analysieren zu wollen. Mycroft besteht darauf, bei den Studien des Flugzeugs zugegen zu sein und die Arbeiten zu überwachen. Gleichzeitig bietet er seine Unterstützung bei den Arbeiten an, was Koyata mit sichtbarem Wohlwollen registriert.
“Das wäre uns sogar eine sehr große Hilfe, Mr. Winterbottom”, sagt er.
Nach der Diskussion einiger Details werden Koyata und Mycroft sich einig. Die Vereinbarung wird nach europäischer Sitte mit Handschlag besiegelt, ein Entgegenkommen Koyatas und ein Zeichen seiner Zufriedenheit. Mir fällt ein schwerer Stein von meinem Herzen.