年越 (Toshi Koshi) – Neujahrsabend
Nach der letzten unruhigen Nacht sind wir heute erst spät auf den Beinen. Es ist bereits zehn Uhr, als wir unser Frühstück beenden. Der Wirt und seine Frau beäugen uns misstrauisch. Es ist ihnen ganz Recht, dass wir heute abreisen wollen.
Gegen Mittag erreichen wir Tōkyō. Schon jetzt herrscht geschäftiges Treiben auf den Straßen. Alle bereiten sich auf die Feierlichkeiten vor. Die Häuser sind farbenreich geschmückt und die Menschen heiter und ausgelassen.
Als am Abend die Feste in den Straßen und Schreinen beginnen, mischen wir uns unter das Volk. Viele der Feiernden haben sich verkleidet oder tragen Masken, um die Götter und Geister für das kommende Jahr gnädig zu stimmen. Überall findet man Musik und Tanz. Sake fließt in Strömen und die bunten Laternen tauchen die Stadt in ein magisches Licht.
Die Schreine sind hell erleuchtet und bieten Talismane als Schutzinsignien, Glücksbringer und Wunscherfüller für das neue Jahr feil. Besonders großen Andrangs erfreut sich der neu errichtete Schrein zu Ehren des Kaisers Meiji und seiner kaiserlichen Gemahlin Shoken. Das Heiligtum wurde erst vor zwei Monaten eingeweiht. Im Hof des Schreingeländes haben sie dieses Jahr einen künstlichen Baum aus Holz aufgebaut. Hier hängen die Menschen ihre Talismane versehen mit ihren Wünschen für das nächste Jahr auf. Um Mitternacht wird der Baum mitsamt den Wünschen, die er trägt, dem Feuer preisgegeben. So verwandelt finden sie ihren Weg in die Welten der Geister und der Götter und vielleicht werden sie dort erhört.
Auch Mycroft und ich schreiben unsere Wünsche nieder. Ich erbitte Einsicht und Klarheit sowie Kraft und Zuversicht um die Steine in meinem Weg zu erkennen und zu überwinden. Das Papier wird sorgsam gefaltet und mit Bedacht in den dafür vorgesehenen Öffnungen in den Kleinodien platziert, welche dann an den Opferbaum gehängt werden. Um Mitternacht wird der Baum unter jubelnden Beifall der Zuschauer in Brand gesetzt. Begleitet wird das Ritual von einem eindrucksvollen Feuerwerk. Auch wir schießen die von uns erworbenen Feuerkugeln an einem dafür vorgesehenen Platz in den Nachthimmel und beobachten den farbigen Feuerregen, den sie an das Firmament malen.
Ich hebe meine Sakeschale. “Auf ein gutes neues Jahr”, sage ich und proste meinem Freund zu, „es kann wohl kaum schlimmer werden, als das letzte.“ Meine letzte Aussage entbehrt nicht eines gewissen Zynismus.









