Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

Linda Wellington

27 Novembre 1920 Saturday 9am

Ich versuche meine Verbindungen ins Gloucestershire spielen zu lassen und lasse mich telefonisch zu dem derzeitigen Duke of Gloucester durchstellen. Leider geht mein Anruf ins Leere: Henry ist jagen in den Wäldern und daher nicht zu sprechen. Der 20jährige geht dem üblichen Hobby seines Alters nach…

Meine Crew macht sich nach Brichester auf, während ich mit Dr. Johnnie als Begleitung in der Stadt Photoaufnahmen mache, in der Hoffnung auch Grey-Agenten nebenbei abzulichten…

Ich verbringe den gesamten Vormittag mit meinen Shootings und will mir dann mal selber ein Bild von Brichester machen…

Brichester 1pm
Von der Strasse aus nehme ich spontan an einer Stadtrundfahrt teil: Wir kommen natürlich auch an der Cathedral vorbei, von der es heißt, der angeschlossene graveyard werde hauptsächlich von Toten aus Mercy Hill versorgt…

Mercy Hill gehört verwaltungstechnisch zu Brichester. Hier werden die härtesten Fälle des Kingdom behandelt. Man sagt, dass die Einrichtung genauso viele Fälle an Verlusten aufzuweisen hat, wie an Wunderheilungen….

Nach der Brichester City Sightseeing Tour ende ich in der Buchhandlung “YellowStonePress”

in der ich nach dem Buch “Revelation of Glaaki” frage. Die hübsche Buchhändlerin Linda Wellington fasziniert mich sofort durch ihre unschuldige Anmut…

Leider hat sie das Buch nicht da. Sie zeigt sich nervös und ist sichtlich eingeschüchtert. Ich beginne eine höfliche Conversation und sie macht mir recht schnell deutlich, dass sie lieber heute als morgen von hier wegziehen möchte…

Ihr bescheidenes Lächeln berühert mich…

Wir kommen ins Plaudern und sie offenbart mir ihre Lieblingsautoren: Ramsell Campbell und H.P. Lovecraft. Ich kaufe ihr für 8 Pence ein Buch ab: “Auf Cthulhus Spur” von August Derleth…

So hübsch wie einsam, findet diese junge Frau Gefallen an Horrorgeschichten…

Voller Freude berichtet sie mir von dem von ihr bereits gelesenen Buch, in dem Menschen gegen einen Älteren Gott namens Ctulhu kämpfen, mit der Hilfe eines Byakh’ees…

Mit deutlichen Worten erzählt sie die Geschichte nach…

Es gibt Leute, die dem “Unaussprechlichem” helfen, den “Schutulluh” zu bekämpfen….

Sie beschreibt meinen realen Kampf gegen die Gottheit. Ihr Focus aber liegt auf dem Colonel…Sie beschreibt ihn allerdings so naiv, so unschuldig, wie er heroenhaft vom Schicksal gekennzeichnet wurde, dass mir der Atem stockt…

In ihren Erzählungen ersteht Mycroft bildlich vor meinem inneren Auge wieder auf…

“Ich vermisse ihn…”, entschlüpft es mir leise. Doch Linda hat meine Worte verstanden und nickt mit einem Anflug von Demut. Sie ist verliebt in diese literarische Figur und sieht in meinem Gesicht eine Art Verständnis….

Ich kann nicht anders, als ihr einmal kurz väterlich wissend über ihr brünettes Haar zu streichen…

“Er wird kommen und auch dich befreien…”, flüstere ich…

Das schönste Lächeln des Severn Valley ist meine entrückte Belohnung…

Ich setze mich hernieder in ihre kleine Lesecorner und beginne August Derleths “Auf Cthulhus Spur” zu lesen. Es ist von Bomben die Rede, die ganze Städte ausradieren können…

Ich geniesse die Stille des Bookshops…

Linda serviert mir ungefragt Tea and Scones. Ich rauche eine schwere Cigarette…

Das Buch erzählt meine Geschichte. Wieviele hat es schon vor mir gegeben, die dem Cthulhu auf der Spur waren? Wie oft wurden die Älteren schon von uns Menschen genervt? Und wieviele sind dabei auf der Strecke geblieben?

Mir wird ganz langsam klar: I am just a history repeater…

Ich schaue hinaus auf die Strasse. Vor meinen Augen passieren vor dem Fenster lautlos Spaziergänger vorbei. Ich spüre keine Zeit mehr…

Das Gesicht des Greys schleicht sich in mein Bewusstsein…

Ich zeige Linda den Zuckergussabdruck des Gesichtes. Anstattt eines Abklatsches habe ich das Sandsteingesicht mit einer Zuckerlösung auf ein dünnen Stoff abgetragen, den ich nach dem Ablösen in einer dezenten Cottonroll bei mir trage…

Sie versucht emotionslos zu reagieren, wird blass, aber zuckt mit den Schultern…

6pm Tempus fugit…Mrs. Wellington muss den Buchshop nun schliessen. Ich verabschiede mich mit Handkuss und tiefer Verbeugung…

Ich kehre nach Gloucester mit dem Zug zurück, mit einem glücklichen Dr. Johnnie, der einige Exemplare von Horrorliteratur aus dem Bookshop mitgenommen hat. Auf der Leseleiter in den aufgetürmten Buchreihen stehend, verbrachte auch er interessierte Stunden…

 

10pm Gloucester Hotel Imperial
Seit Stunden erwarte ich meine Crew zurück…

Doch ich erhalte keine Nachricht von ihnen…

Aus Langeweile horche ich an Dr. Johnnies Zimmer: Er gibt sich wieder Operettengesängen hin…

Ich gehe auf mein Zimmer und betrachte versunken Henrys steingesichtiges Artefact, als mir der Concierge einen Call auf mein Zimmer durchstellt: Carla teilt mir mit, dass mit Allen alles in Ordnung sei, aber sie müssen in Brichester übernachten…

Mein Brustkorb verengt sich ein weiteres Mal…

Die hohläugige Sandsteinbüste ohne Hals und Haar mit der flachen Nase schaut mich atemlos sehend an…

“Der dritte Advent wird gefährlich für dich.!.!.!”

 

 

 

 

Ich verspüre eine gewaltige Kraft gegen mich…
Tiefer, traumloser Schlaf übermannt mich…