神 (Kami) – Götter
Wie verabredet treffe ich mich am Morgen um sechs Uhr mit Ueshiba Morihei. Ich habe meine Trainingskleidung angelegt und meine Übungswaffen dabei. Mit angemessenem Ehrerbietung betrete ich die Übungshalle und begegne meinem Gastgeber, der schon vor mir eingetroffen ist, mit dem gebotenen Respekt.
Wir einigen uns für die Prüfung auf einen freien Kampf im Ittō-Ryū (一刀流 – Einschwertstil). Ich erkenne schnell, dass insbesondere Ueshibas Verteidigungstechnik der meinen deutlich überlegen ist. Mit scheinbarer Leichtigkeit gelingt es ihm, jeden meiner Angriffe mit harmonischen und weichen Bewegungen zu neutralisieren – egal, was ich auch versuche, um selbst die Oberhand zu gewinnen. Ein um das andere Mal finde ich mich entwaffnet oder kampfunfähig auf der Matte wieder. Eine solche Technik habe ich noch nie zuvor gesehen.
Gut eine dreiviertel Stunde versuche ich mich und studiere dabei aufmerksam Ueshibas Bewegungsformen. Zum Ende hin geht es mir gar nicht mehr so sehr darum, mich zu behaupten, sondern ich bin vielmehr darauf ausgerichtet, zu verstehen, was den Kern seiner Kunst ausmacht. Ich bemerke, dass dabei auch meine eigenen Bewegungen ruhiger und harmonischer werden.
Schließlich meint Ueshiba, er habe genug gesehen. Nach der förmlich-rituellen Beendigung der Übung sagt er: “Der Unterricht von Meister Takeda beginnt um acht Uhr. Es wäre mir eine Freude, Sie dann wieder zu sehen.” “Ich werde da sein”, erkläre ich.
Ich nutze die Zeit bis dahin, um zu frühstücken und mich zu erfrischen. Anschließend kehre ich in Ueshibas Dōjō zurück, um Meister Takedas Unterweisungen zu empfangen. Es sind insgesamt etwa zehn Schüler anwesend. Im Laufe des Unterrichts erfahre ich, dass Takedas wie auch Ueshibas Kampfkunst auf dem uralten Prinzip des Aiki basiert. Dieses Prinzip beschreibt die Verbindung und Vereinigung (合 – Ai) der eigenen inneren Stärke und Energie (氣 – Ki) mit dem Universum, es steht gleichermaßen aber auch für die Harmonisierung der Gegensätze in einem selbst. “Kehrt euch ab von dem Gedanken, euren Gegner bezwingen zu müssen”, rät Takeda, “verbindet euch mit ihm. Empfangt euren Feind mit Liebe und schließt ihn in euer Herz.”
Um die Mittagszeit werde ich von Naohi aufgesucht. Sie überbringt mir eine Nachricht von ihrem Vater. Onisaburō möchte mich kennenlernen und lädt mich heute Abend zum Essen ein.
Ich verbringe auch den Nachmittag im Dōjō, wo nun Ueshiba selbst unter den beobachtenden Augen Takedas die Übungen anleitet. Zum Abend finde ich mich im Wohnhaus der Familie Deguchi ein.
Onisaburō
begrüßt mich offen und heißt mich herzlich in seinem Haus Willkommen. Das Haus ist einfach gehalten, doch die Wände und Regale sind geschmückt mit Bildern und Keramik-Kunst. “Sind das Ihre Arbeiten, Herr Deguchi?”, frage ich vorsichtig. Onisaburō bestätigt das. In der Kunst, sagt er, drücke sich der Wille des Universums aus. “Dabei ist es egal, welche Kunst man übt – die Malerei, das Schrifttum, die Blumensteckkunst, die Kampfkunst…, die Absicht – oder besser die Absichtslosigkeit – ist entscheidend”, sagt er.
Onisaburō ist eine überaus charismatische Persönlichkeit, ausgeglichen und in sich ruhend wirkt er. Wir tauschen uns aus über Glaube, Kunst, Politik und Philosophie. Onisaburō stellt die Behauptung auf, dass der Herrschaftsanspruch des Kaiserhauses, welches sich auf die Abstammung der Sonnengöttin Amaterasu beruft, ungerechtfertigt sei. Die ursprünglichen Gründer und rechtmäßigen Herrscher Japans waren Kunitokodachi und Susanō, ist er überzeugt. Erst, als Amaterasu sie mit Gewalt von der Insel vertrieben hatte, setzte sie ihre eigene Erblinie als Herrschergeschlecht Japans ein.
“Es gehört Mut dazu, die Autorität des Tennō offen anzuzweifeln”, bemerke ich anerkennend, „wohin sind Ihrer Meinung nach Susanō-no-Mikoto und Kunitokodachi-no-Mikoto geflohen?” “Soweit ich weiß, halten beide sich noch auf diesem Planeten auf”, antwortet Onisaburō, “Kunitokodachi schläft in einer Stadt in einem Land unter der Erde. Auch Susanō sollte schlafen – in einer Stadt unter dem Meer, doch ich habe das Gefühl, dass etwas vor einer Weile seinen Schlaf gestört hätte, wenngleich die Stürme sich jetzt wohl wieder gelegt haben. Und Amaterasu – sie hat sich zurückgezogen auf einen fernen Stern.”
Diese Geschichte kommt mir sehr vertraut vor, so vertraut, dass ich mich darüber wundere. Ich nenne die Namen von drei Städten, die mir in diesem Zusammenhang in den Sinn kommen: “Tsath, R’yleh, Carcosa…”. Onisaburō stutzt einen Moment kritisch, beginnt dann aber zu lächeln. “Ich sehe, wir sprechen die gleiche Sprache”, sagt er ruhig, “ich wusste gleich, dass Sie zu den Wissenden gehören. Dann verstehen Sie sicherlich auch, warum die Anbetung des Kaisers als Nachfahre Amaterasus eine Gefahr ist.” “Wenn es sich tatsächlich so verhält, wie Sie sagen, könnte ich es verstehen”, antworte ich. Die Vorstellung, dass das japanische Kaiserhaus der Linie des Gelben Königs entsprungen sein soll, bereitet mir tiefstes Unbehagen. “Sind Sie sicher, dass es wirklich so ist?” “Nein, das bin ich nicht”, gesteht Onisaburō, “es sind nur Ahnungen, Vorsehungen, die mich in meinen Träumen erreichen. Vieles von dem, was ich an Nachrichten aus der Geisterwelt empfange, stellt sich im Nachhinein als wahr heraus, aber manchmal irre ich mich auch oder ich deute die Zeichen falsch. Die Namen der Orte, die Sie genannt haben, sind mir bekannt, aber ich weiß nicht, wer oder was sich dort wirklich aufhält. Ich war noch nie dort.” Leiser, kaum noch hörbar fügt er hinzu “…Sie aber schon…” Ich blicke aus dem Fenster in die Dunkelheit. Eine gewisse Beklemmung beginnt von mir Besitz zu ergreifen. Ich habe keine Ahnung, ob Onisaburō wirklich etwas weiß oder ob er nur geraten hat – so oder so, es ist mir nicht ganz geheuer. “Es ist möglich, dass ich einen dieser Orte gesehen habe”, antworte ich nach einer Weile, “aber ich bin nicht hergekommen, um mich daran zu erinnern.” Onisaburō nickt verstehend. “Ich würde sehr gerne mehr darüber erfahren”, sagt er ruhig, “aber ich respektiere Ihren Wunsch und werde Sie nicht drängen.”









