Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

書籍 (Shoseki) – Bücher

Nach einem kurzen Zwischenstop auf Highclere Castle, wo sich Mare, Lorudo-dono, Mari-chan und Maikurofuto zu mir gesellen, geht die Fahrt direkt weiter nach London. Mari-chan und Maikurofuto planen morgen von hier aus noch einmal nach Berlin zu reisen. Der Vortrag der Thule-Gesellschaft, über welchen in der Berliner Zeitung geschrieben wurde, findet in drei Tagen statt und wir erhoffen uns davon eventuell weitere interessante Erkenntnisse. Als Vorwand für die Reise hält die Ärztekonferenz her, zu der auch Dr. Passow aufgebrochen ist. Maikurofuto will inkognito fahren, um nicht ins Visier etwaiger Ermittler zu geraten. Senchō und Karura-san begleiten uns nicht. Sie haben sich die Herstellung einiger Älterer Zeichen zu unserem Schutz als Aufgabe gesetzt.

Gegen Mittag betreten wir die Bibliothek. Eigentlich wollte ich nach Hinweisen zu dem Ort N’kai oder der Wüste Oreg Na suchen. Lorudo-dono hat mittlerweile das Gelbe Buch aus der Tegeler Ruine zuende gelesen und tatsächlich hieß es dort, dass für das Zeichnen des Ritualkreises zu dessen optimaler Wirkung gelbe Kreide benutzt werden sollte. Diese sei in dieser Wüste Oreg Na zu finden, von denen bisher niemand von uns weiß, wo sie sich befindet. Doch ich lasse mich vom umfangreichen Buchfundus des Librariums ablenken. Zunächst fällt mir eine Übersetzung des Gorin no Sho in die Hände – ein klassisches japanisches Werk des „Schwertheiligen“ Miyamoto Musashi. Das Buch ist mir seit meiner frühesten Jugend bekannt und vertraut. Interessiert durchblättere ich die Translation, komme aber schon nach kurzer Zeit zu dem Schluss, das der Übersetzer nur einen Bruchteil dessen verstanden hat, was der Kensei mit diesem Werk zum Ausdruck bringen wollte. Das Gorin no Sho ist keineswegs einfach nur eine Darstellung der japanischen Philosophie im Streben nach Perfektion in der Einfachheit, wie es im Vorwort dieser Übersetzung erklärt wird, sondern auch und vor allem eine Anleitung zum Töten. Auch der historische Kontext, in welchem das Buch entstanden ist, findet in dieser Ausgabe keine Berücksichtigung.

Als ich das Buch wieder zurückstelle, entdecke ich ganz oben im Regal, ziemlich gut versteckt alle drei Bände des Kinoe no komatsu, einer vor ca. 100 Jahren entstandenen Shunga-Sammlung. Es ist zwar nicht das, was ich suche, aber trotzdem ein überaus rarer Fund. In Japan selbst ist es mittlerweile nahezu unmöglich, an diese „Frühlingsbilder“ zu kommen. Seit zehn Jahren ist allein der Besitz von Werken aus dieser Kunstrichtung bei Strafe verboten – vom Handel ganz zu schweigen…

Fasziniert durchblättere ich die Bände und bemerke dabei gar nicht, wie die Zeit vergeht. „Ach hier bist du“, höre ich irgendwann Maikurofutos Stimme hinter mir. Grinsend registriert er das Buch, das ich vor mir liegen habe. „Steht da was über Oreg Na oder N’kai drin?“, fragt er amüsiert, nicht ohne auch selbst interessierte Blicke auf die Bilder zu werfen. Als ich die Seiten aufschlage, auf denen das Bild mit dem Titel „Der Traum der Fischersgattin“ abgedruckt ist, zuckt er jedoch im ersten Moment leicht erschrocken zusammen. 

„Nein, ich glaube nicht“, beantworte ich seine Frage, „ich bin da wohl einer falschen Spur gefolgt. Hast du etwas gefunden?“ Er nickt und zeigt mir einen Absatz aus dem Buch, das er bei sich hat:

Die Oreg Na ist eine malvenfarbene Wüste, die große Teile eines Planeten bedeckt, der das Doppelsternsystem Aldebaran umkreist„, heißt es dort, „in ihr liegt der See Hali und an seinem Ufer die Stadt Carcosa.

Als ich diese Zeilen lese, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. „Ich war dort schon einmal“, sage ich. Maikurofuto sieht mich verwundert an. „Nicht physisch“, erkläre ich, „erinnerst du dich an meinen Traum von der achtköpfigen Schlange?“ Maikurofuto überlegt einen Moment, dann bestätigt er, sich an die Geschichte zu erinnern. „Das war in einer malvenfarbenen Wüste an einem See, an dessen Ufern eine gelbe Stadt stand…“, erkläre ich. Maikurofuto sieht mich erstaunt an. „Vielleicht solltest du dann doch mit nach Aldebaran kommen“, überlegt er, doch ich wende ein: „Lass uns erst einmal sehen, ob die anderen noch etwas herausgefunden haben.“

Das haben sie nicht, wie sich herausstellt, als wir Mare, Lorudo-dono und Mari-chan treffen. Die Bibliothek schließt für heute. Wenn wir hier weiter nach Informationen suchen wollen, müssen wir morgen wiederkommen.

Wir übernachten in Lorudo-donos Stadthaus am Berkeley Square N° 3. Maikurofuto zieht sich zur „Kostümprobe“ zurück, um seine Verkleidung für die Berlin-Reise anzuprobieren. Als eine knappe Stunde später „Dr. Summerset“ den Salon betritt, breche ich spontan in schallendes Gelächter aus. Dieser Typ, der jetzt vor uns steht, hat so rein gar nichts mit meinem Freund gemein. „Die Verkleidung ist perfekt“, sage ich anerkennend.