Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

行儀作法 (Gyōgisahō) – Manieren und Etikette

Auf Highclere Castle herrscht emsige Aufregung. Alle sind mit irgendetwas beschäftigt. Mare und Senchō werden von Butler James in höfischen Umgangsformen unterwiesen. Auch Karura-san nimmt an diesem Kursus teil, um ihr Wissen in Sachen zeremonieller Verhaltensweisen auzufrischen. Ich habe heute am späten Vormittag noch eine Verabredung mit Dr. Passow – bis dahin schaue ich mir das Treiben nicht ohne ein gewisses Amüsement an. Nach meinem Termin, den ich zusammen mit Maikurofuto und Mare wahrnehme, verabschiede ich mich von meinen Freunden und ziehe mich in die Ruhe und Abgeschiedenheit meines Landhauses zurück. Senchō bleibt auf Highclere Castle.

Bevor ich abreise, verabreden wir uns für den morgigen Tag, um in London die Nationalbibliothek aufzusuchen. Vielleicht läßt sich in diesem Wissensfundus ein Hinweis auf einen Ort, der N’kai genannt wird, finden. In Berlin sind unsere Freunde auf Hinweise gestoßen, die darauf hindeuten, dass dies die Heimat Tsathogguas sei, dem dritten der verfeindeten Brüder. 

Zu Hause überlege ich, welche Kleidung für das abendliche Bankett anläßlich des Empfangs des Königs in gut zwei Wochen wohl angemessen und passend wäre. ‚Du demonstrierst die Etikette deines Landes…‘ erinnere ich mich an Lorudo-donos Worte. Auch wenn der Kleidungsstil im japanischen Alltag dem europäischen immer ähnlicher wird – selbst der Tennō tritt nicht mehr in den traditionellen Roben auf – gibt es aber immernoch Anlässe, zu denen das Anlegen einer klassischen formellen Garderobe als adäquat gilt – etwa Hochzeiten, Bestattungen oder offizielle Empfänge. Formell heißt für einen japanischen Mann auch dezent und zurückhaltend, sofern man nicht selbst das Zentrum einer Veranstaltung oder Versammlung darstellt. Üblich ist zu solchen Anlässen das Tragen eines Montsuki-Kimono und -Haori, Kleidungstücke in dunklen, gedeckten Tönen, bestickt mit dem Familienwappen. Ich überlege eine ganze Weile, ob ich jetzt die Variante mit einem oder mit drei Kamon tragen sollte. Passend wäre wohl die schlichtere Option mit nur einem Kamon, ich entscheide mich dann aber doch für die Drei-Kamon-Roben. Als persönlicher Freund des Gastgebers glaube ich mir diese kleine Anmaßung erlauben zu dürfen, die wahrscheinlich noch nicht einmal irgendjemandem außer mir als solche auffallen wird. Ich trage Amanda auf, dafür zu sorgen dass die ausgesuchten Kleider rechtzeitig in einen tadellosen Zustand versetzt werden.

Nach einem kleinen Mittagsimbiss suche ich mein verborgenes Heiligtum im Keller auf. Unverändert erstrahlt der Raum im Licht der Sterne, das schon vor mehr als dreihundert Jahren dieselbe Weihestätte in Odawara erhellte. Noch immer frage ich mich, wie es wirklich hierher gekommen sein mag und ob es Zufall oder Fügung war, dass dieses Haus in meinen Besitz gelangte.