段取 (Dandori) – Pläne
Nach einem schlichten Frühstück auf Curdridge Hill besteigen ich mit meinen Freunden den Silverghost und wir brechen auf in Richtung Newbury. Ein paar Minuten vor elf Uhr erreichen wir Highclere Castle, wo Lorudo-dono uns bereits erwartet. Es geht zu einer „Lagebesprechung“ in die Bibliothek. „Lagebesprechung“, erklärt Lorudo-dono, „bedeutet, ich berichte euch die Lage und ihr hört erst einmal nur zu.“ Der Sekretär des Königs hat ihm einen Zeitplan zum Ablauf des königlichen Besuches zukommen lassen. Ein dichtes Pensum, das kaum eine Möglichkeit bietet, unauffällig zu verschwinden. Am 9. Oktober um elf Uhr am Vormittag wird die Ankunft des Königs auf Highclere Castle erwartet. Nach Lunch in privater Atmosphäre, Foto- und Besichtigungsterminen sowie dem Fünf-Uhr-Tee ebenfalls im privaten Rahmen ist für den Abend ein Dinner und Tanz mit 300 geladenen Gästen vorgesehen.
Der 10. Oktober dann – der c-day, wie Lorudo-dono dieses Datum nennt – soll mit einem Jagdausflug beginnen. Nach dem Lunch soll es dann nach Winchester gehen, wo nach einer Begehung des Areals eine Pressekonferenz mit 50 Reportern anberaumt ist. Nach anschließender Kranzniederlegung in der Kathedrale und dem Fünf-Uhr-Tee, wird George V. weiter nach Southampton reisen, um dort im Hotel de la Maar zu übernachten, bevor er für den kommenden Vormittag eine Fahrt mit der frisch restaurierten HMS Victory anzutreten gedenkt. Sergeant Bond und Maikurofuto werden die Verantwortung für die Sicherheit Seiner Majestät während des Aufenthaltes im Hampshire tragen. Anschließend verliest Lorudo-dono einen Auszug aus der Gästeliste für das Dinner und die Gala am neunten Oktober.
Der ziemlich lange Vortrag ermüdet mich zugegebenermaßen, doch als Lorudo-dono beim Verlesen der Gästeliste meinen Namen nennt, bin ich plötzlich wieder hellwach. Was habe ich mit dem König von England und Groß Britannien zu schaffen? Und warum kennt man mich im königlichen Umfeld überhaupt? Es liegt vermutlich an Lorudo-donos Dunstkreis, in dem ich mich aufhalte, denn selbst Senchō und Mare sind als Gäste geladen. Ich verspüre keine wirkliche Lust, an einer solch formelle Veranstaltung teilzunehmen, doch Lorudo-dono betont, dass es sich hierbei nicht um ein „Wunschkonzert“ handle, sondern dass es vielmehr darum ginge, dem Begehr des Königs zu entsprechen.
Maikurofuto quittiert mein mir offenbar deutlich ins Gesicht geschriebenes Entsetzten über diese für mich überaus unbequemen Umstände mit einen schadenfrohen Grinsen. „Hast du überhaupt etwas angemessenes zum Anziehen?“, fragt er feixend. „Das lass mal meine Sorge sein“, gebe ich mürrisch zurück.
Lorudo-dono ordnet an, dass Senchō und Mare in Etikette unterwiesen werden sollen. Als er dies verfügt, ruht sein Blick auch für einen Moment auf mir. „Du brauchst sowas nicht“, meint er dann, „du demonstrierst die Etikette deines Landes, genau wie unsere anderen weit angereisten Gäste.“ Das wird ja immer besser! Nicht nur, dass Etikette welcher Art auch immer mich nicht im geringsten interessiert, wenngleich ich durchaus darin bewandert bin – am Ende stelle ich womöglich nicht viel mehr als eine exotische Kuriosität für die hochwohlgeborene britische Gesellschaft dar, welche die Bevölkerung meines Landes nicht einmal als vollwertigen Bestandteil der Menschheit akzeptiert – zumindest legt die Ablehnung von Japans Gesuch nach einer rassenunabhängig Gleichstellung der Siegermächte des großen Krieges im Rahmen der Friedenskonferenz von Versailles im vergangenen Jahr diese Annahme nahe. Es war vor allem das britische Empire, welches sich vehement gegen dieses Anliegen aussprach. Dennoch – es liegt mir fern, Lorudo-dono in dieser Situation durch meine Abwesenheit bloß zu stellen. Solange ich nicht wieder eine Teezeremonie halten muss, werde ich das Ganze schon irgendwie überstehen.
Nachdem der geplante Ablauf des Offiziellen bekannt ist, gilt es nun die Details zu unserer eigentlichen Mission zur Rettung der Welt zu erörtern. Das beste Zeitfenster, um die Gunst der Sterne optimal nutzen zu können, wäre wohl vom Beginn der Pressekonferenz und bis zum Fünf-Uhr-Tee. Bis dahin müssen wir noch einiges vorbereiten. Es müssen Schutzmaßnahmen ergriffe und Vorbereitungen magischer Art getroffen werden. Dann brauchen wir noch Kreide. „Sie muss gelb sein“, murmle ich so leise, dass niemand von den anderen es wirklich hört. Ich habe keine Ahnung, woher ich diesen Gedanken plötzlich habe. Auch drängt Lorudo-dono darauf, dass alle, die ihn begleiten wollen, sich mit einer Augenbinde ausstatten sollten. Was geschieht, wenn man es wagte, Cthulhu anzusehen – und sei es nur aus Versehen – wissen wir bereits.
Maikurofuto merkt an, dass er gerne noch den Eiszapper, der uns bei unserem letzten Ausflug nach R’yleh gegen die weißen Riesenwürmer so gute Dienste geleistet hatte, neu aufladen würde. Die Waffe wird mit einer Substanz betrieben, die man unter dem Namen Orichalkum kennt, und in der Nähe von Halifax gäbe es irgendwo unter der Erde Vorkommen dieser seltenen Materie. Vielleicht, überlegt er laut, sollte er einen Ausflug mit den Byakhee dorthin unternehmen. Anderseits stehen noch so viele offene Fragen im Raum und Maikurofutos Vorrat an Weltraummet, der für eine Reise mit dem Byakhee unabdingbar ist, ist nur begrenzt. „Vielleicht doch lieber nach Aldebaran“, überlegt er murmelnd. Er versucht Mari-chan zu überreden, ihn bei seinem möglichen Ausflug zum Planeten des König in Gelb zu begleiten. Dafür bedarf es nicht viel Überzeugungskraft – für verrückte Ideen läßt sich Mari-chan wie immer schnell begeistern.
Als ich später am Tage mit Maikurofuto unter vier Augen sprechen kann, gestehe ich ihm, dass ich mich fast ein wenig gekränkt gefühlt hatte, dass er Mari-chan und nicht mich auf seinen geplanten Weltraumritt eingeladen hatte. „Ich weiß noch gar nicht, ob und wie das eigentlich funktioniert“, lenkt er ein, „und ich weiß auch nicht, was uns erwartet, wenn uns der Byakhee tatsächlich nach Aldebaran bringt. Sie ist eine gute Ablenkung und schafft es bestimmt, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, falls wir auf Widerstand stoßen oder in andere Schwierigkeiten geraten.“
„Du willst sie als Kanonenfutter mitnehmen?“, frage ich verunsichert.
„Nicht primär, aber wenn es sein muss, auch das“, antwortet Maikurofuto ruhig und sieht mir fest in die Augen, „dein Leben ist mir zu viel wert. Das setze ich nicht so leichtfertig aufs Spiel.“ Dieses Argument macht mich für einen Moment sprachlos.
„Das Leben ist der Traum eines Schmetterlings“, sinniere ich, „und ich bin mir sicher, dass wir in jedem dieser Träume wieder zueinander finden werden… Ich denke da nur an Kotarō und Ujimasa…“
„Mag sein“, erwidert Maikurofuto, „aber ich möchte diesen einen Traum gerne noch eine Weile mit dir zusammen träumen.“
„Das möchte ich auch“, antworte ich, „also sieh zu, dass du heil wieder zurück kommst.“
„Du kennst mich, so schnell kriegt mich nichts kaputt“, triumphiert er, „und außerdem hat Mary-Ann manchmal auch ziemlich gute Ideen.“
„Das ist wahr“, pflichte ich ihm bei, „Wahnsinn und Genie…“









