戦国時代 (Sengoku jidai) – Die Zeit der streitenden Lande
Ich bin früh aufgewacht und habe vor dem Frühstück noch ein paar Übungen im Freien gemacht. Nach vier Tagen verletzungsbedingter Untätigkeit verlangt es meinem Körper dringend nach Bewegung. Das Training an der frischen Luft tut mir gut und vertreibt die melancholischen Gedanken, die mich beim Aufwachen heute morgen umfingen. Mari-chan kann sich eine schnippische Bemerkung nicht verkneifen, als wir uns begegnen. „Schon so früh auf den Beinen, Mr. Sanjūrō? Geht es ihnen gut?“, stichelt sie. Ich beantworte ihre Spötteleien mit einem Lächeln. „In einer halben Stunde fliegen wir los“, ruft sie mir hinterher, als ich an ihr vorbei ins Haus in Richtung meines Zimmers gehe, um dort zu frühstücken.
Und tatsächlich – auf die Minute genau eine halbe Stunde später lässt Mari-chan die Motoren der Martinsyde demonstrativ aufheulen. Ich beeile mich, an Bord zu kommen. „Bitte keine Todesspirale“, flehe ich sie an, was wiederum Mari-chan amüsiert. „Sie haben ja doch Humor, Mr. Sanjūrō“, meint sie lachend. Eigentlich hatte ich gar nicht beabsichtigt, einen Scherz zu machen…
Die Reise nach Kiel verläuft ziemlich ereignislos. Gegen Mittag wassern wir in der Kieler Förde. Mari-chan setzt die Martinsyde etwas unsanft auf, gewinnt aber die Kontrolle über die Maschine zurück, bevor es zu einer Havarie kommt. Wir regeln unsere Einreiseformalitäten – alles läuft problemlos.
Nach einem kleinen Imbiss machen wir uns direkt auf den Weg zur Hafenstraße 37. Senchōs Onkel erwartet uns bereits und überlässt uns unsere Sachen. Er will mir das für die Frachtkosten bereits angewiesen Geld zurück geben, doch ich winke ab. „Behalten Sie es“, sage ich,
Mit einer Droschke bringen wir das Gepäck in den Hafen und verfrachten es dann an Bord der Martinsyde. Unsere Rückreise nach England verläuft ebenso unkompliziert. Gegen 17:00 Uhr landen wir. Nach einem kurzen Aufenthalt auf Highclere Castle fahren wir gemeinsam mit Lorudo-dono und Maikurofuto, der gegenüber der Allgemeinheit den Invaliden mimt, um sich nicht unnötig Fragen zu seiner schnellen Genesung stellen zu müssen, zu meinem Anwesen nach Curdridge.
Die Sonne geht gerade unter und der Herbstwind fegt die dünne Wolkendecke vor dem Antlitz des Mondes hinweg. Zeilen eines Gedichtes kommen mir in den Sinn.
雨雲の
(Amekumo no)
おほえる月も
(ohoeru tsuki mo)
胸の霧も
(Mune no kiri mo)
はらいにけりな
(Harai takeri na)
秋の夕風
(Aki no yū kaze)
Herbstwind am Vorabend
Blas’ hinweg die Wolken, die sich zusammenballen
vor des Mondes reinem Licht.
Und die Nebel, welche unseren Geist trüben,
fege auch sie hinfort.
Ich weiß im Moment nicht genau, woher ich diese Zeilen kenne.
Ich nehme Kirishimo und gehe dann zusammen mit meinen Freunden direkt hinunter in den Keller. Engineer Watsons Männer sind gerade damit fertig geworden, die neue Tür in den Durchbruch einzubauen. Der Vorarbeiter übergibt mir den Schlüssel. Nachdem die Arbeiter gegangen sind, schließe ich die Tür auf.
Unverändert harrt dort der Schrein mit der ewigen Flamme seiner Bestimmung. „Wähle deine Seite…“. Ich habe mich längst entschieden. Ich kniee vor dem Schrein nieder und klatsche in die Hände, wie es die Betenden in Japan tun, um die Aufmerksamkeit des hier wohnenden Gottes zu erregen. Ich hebe Kirishimo auf und lege es mit dem Griff zur Mondseite gewandt, in den Schwertständer. Ich sehe, wie sich die Flamme im Zentrum des Heiligtum ausdehnt, bis sie mich und meine Freunde, die mit etwas Abstand warten, vollständig einhüllt.
Das Licht des Feuers wandelt sich und gibt den Blick auf eine mir vertraute Landschaft frei. Es ist eine Gegend in der heutigen Präfektur Kanagawa. Ich spüre wie meine Persönlichkeit in den Hintergrund rückt und einer anderen Entität weicht. Ich stehe auf den Zinnen der Mauern von Odawara-jō und schaue hinab in das Dorf zu Füßen der Burg. Seit einem halben Jahr lagern hier Toyotomi Hideyoshis Truppen und versuchen uns mürbe zu machen. Eigentlich habe ich die Führung des Hōjō-Klans Anfang des Jahres an meinen ältesten Sohn Ujinao übergeben, doch schon jetzt bereue ich diese Entscheidung. Es war zu früh. Ujinao war dieser Aufgabe offenbar noch nicht gewachsen. Als unsere Späher vom Vormarsch Toyotomi Hideyoshis auf Odawara berichteten, berief Ujinao eine Versammlung seiner Generäle und Berater ein, die darüber debattieren sollten, ob Odawara-jō bis zuletzt gehalten oder ob Verhandlungen mit Hideyoshi aufgenommen werden sollten. Diese Debatte zog sich über Tage hin, bis es nichts mehr zu entscheiden gab, da der Feind bereits vor den Toren der Burg lagerte. Seit diesem Vorfall hat Ujinao sich mehr und mehr zurückgezogen. Er meidet das Gespräch mit mir, verläßt seine Gemächer eigentlich nur noch, wenn ich ihn dazu beordere und ist insgesamt als Anführer für niemanden wirklich greifbar, so dass die Entscheidungen über die Geschicke des Klans im Moment wieder in meiner Hand liegen.
Bei mir sind Tanaka Yoshiro, der Verwalter der Burg und unserer Ländereien, Izumi, eine Shinto-Priesterin, die sich um das körperliche und seelische Wohl der Menschen auf Odawara-jō bemüht, und mein Freund und Untergebener Fūma Kotarō, das Oberhaupt der Fūma, eines Ninja-Klans im Dienste meiner Familie.
„Ich frage mich manchmal, ob Ujinao wirklich mein Sohn und ein Hōjō ist“, sage ich, „entweder ist er ein Schwächling oder ein Feigling. Beides ist nicht gut. Was habe ich nur falsch gemacht?“ „Es ist sicherlich nicht Euer Versagen, Hōjō-dono“, versucht Kotarō mich zu beschwichtigen. Woher er diese Überzeugung nimmt, verrät er mir nicht.
Seit beinahe 130 Jahren herrscht Bürgerkrieg in Japan. Die Fürsten streiten um Land und Einfluss. Das Ende des Ashikaga-Shogunats ist längst besiegelt. Vor siebzehn Jahren schon hatte Oda Nobunaga Kyoto unter seine Kontrolle gebracht und die Ashikagas aus der Kaiserstadt vertrieben. Um der Übermacht des Bündnisses der Familien Oda, Toyotomi und Tokugawa etwas entgegen setzen zu können, ließ mein Vater Ujiyasu sich auf einen Pakt mit den Imagawa und einem unseren Erzrivalen, den Takeda, ein. Aus diesem Bündnis resultiert meine erste, mittlerweile nicht mehr existente, Ehe mit Takeda Shingens ältester Tochter Obaiin. Das Bündnis wurde vor mehr als dreizig Jahren beschlossen, doch mittlerweile ist nicht mehr viel davon übrig. Die Imagawa mussten sich den Truppen Tokugawas schon wenige Jahre nach der Bildung des „Dreipakt des Ostens“ geschlagen geben. Nachdem die Imagawa gefallen waren, schienen die Takeda zu glauben, dass der Pakt nun auch für sie keine Gültigkeit mehr hätte und begannen erneut in unser Land einzufallen. Takeda Katsuyoris verfügte bei Weitem nicht über das taktische Talent seines Vaters und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er vor dreizehn Jahren in der Schlacht von Nagashino die erste schwere Niederlage gegen Oda Nobunaga und Tokugawa Ieyasu erlitt und seinen Hauptsitz verlor. Katsuyoris floh auf eine andere Burg seines Klans, doch auch dort konnte er sich nicht für immer verstecken. Es ist jetzt acht Jahre her, dass Nobunaga mich um Unterstützung in seinem Feldzug gegen die Takeda bat. Es war mir ein damals großes Vergnügen, seiner Bitte nachzukommen, doch nun droht uns selbst die Vernichtung. „Es sieht nicht gut aus“, sage ich zu Kotarō. Er stimmt mir schweigend zu.
Auch Tanaka-san hat schlechte Neuigkeiten. „Hōjō-sama“, sagt er, „unsere Vorräte gehen zur Neige. Wenn wir streng rationieren, können wir vielleicht noch zehn Tage durchhalten.“ Das sind wahrhaftig schlechte Nachrichten, wenngleich auch keine überraschenden.
Hideyoshis Geduld scheint am Ende. Bei seinem heutigen ersten Vormarsch auf die Burg hatten seine Truppen den äußeren Verteidigungswall von Odawara-jō gestürmt und das Dritte Viertel, den äußeren Ring unserer Burg eingenommen. Ich weise Tanaka-san an, strengere Rationierungen der Vorräte vorzunehmen und erlasse gleichzeitig die Order, die Lebensmittelvorräte aus dem Westviertel und dem zweiten Viertel in die Lager im Hauptviertel zu bringen.
Besorgt blicke ich auf die Übermacht vor unseren Toren. Hideyoshi und seine Männer feiern ihren Sieg. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Für heute schweigen wohl die Waffen.
„Es gäbe noch eine Möglichkeit, der Geschichte eine andere Wendung zu geben“, meint Kotarō, „wir holen uns Hideyoshis Kopf.“ Diese Äußerung bringt mich in dieser aussichtslosen Situation tatsächlich zum Schmunzeln. „Waghalsig wie eh und je“, sage ich. Kotarō brennt vor Tatendrang, doch mich haben die zahlreichen Schlachten, Verrat und Intrigen der letzten Jahre und die zermürbende Belagerung müde gemacht. „Ihr kennt mich, Ujimasa, ich bin rastlos wie der Wind“, erwidert mein Freund. Fürwahr – Kotarō macht seinem Namen „風魔 (Fūma)“ – das bedeutet „Winddämon“ – alle Ehre. Er ist berüchtigt und gefürchtet – spätestens seit er vor zehn Jahren mit seinen Shinobi in einem Feldlager von Takeda Katsuyori derart für Verwirrung gesorgt hatte, dass Takedas Männer anfingen, sich gegenseitig zu töten. Dennoch es wird nicht leicht sein, an Hideyoshi heran zu kommen. Auch Kotarō weiß das, aber wahrscheinlich ist es gerade diese Herausforderung, die ihn reizt.
„Ich habe nicht mehr viel zu verlieren“, sage ich, „tu, was du für richtig hältst. Du kannst das Risiko und deine Erfolgschancen am besten einschätzen.“ „So sei es, Dono“, antwortet Kotarō und entfernt sich mit einem siegessicher Lächeln.
Ich suche den alten Hauptturm auf, in dessen verborgenen Keller sich ein mysteriöser Schrein befindet. Die Schriftzeichen für das Licht der Sonne und das Licht des Mondes zieren seine zwei Säulen, zwischen denen aus unbekannter Quelle gespeist eine blaue Flamme heiß brennt und ein Firmament voller Sterne offenbart. Auch die drei fremdartigen Symbole, die hier zu sehen sind, geben Rätsel auf, die wir bisher nicht endgültig lösen konnten. Möglicherweise stehen sie für drei alte Gottheiten – die Geschwister Ameterasu, die am Himmel scheinende erlauchte Gottheit, Tsukiyomi, der Mondenzähler, die Hoheit der nachtbeherrschten Lande und Susanō, den Herrn der Stürme und der Meere – vielleicht sogar für etwas, das noch viel älter ist, als die Geschichten, die im Kojiki aufgezeichnet wurden.
Vor dem Schrein liegt ein Katana – den Griff zur Säule des Mondes gerichtet – in einem dafür vorgesehenen Ständer. Das Schwert, so hatte mein Vater mir berichtet, als er mir an meinem vierzehnten Geburtstag dieses Geheimnis offenbarte, wären schon hier gewesen, als mein Urgroßvater, Hōjō Sōun, vor nunmehr fast einhundert Jahren die Burg in seinen Besitz gebracht hatte. Niemand weiß genau, wo es hergekommen ist und wie lange es wirklich schon im Fundament von Odawara-jō schläft. Vielleicht kommt es auch aus einer Zeit, die noch kommen wird.
Erfurchtsvoll betrachte ich das Schwert, bevor ich es respektvoll aus seiner Halterung hebe. Von einem leisen metallischen Klicken begleitet löse ich die Klinge aus seiner Scheide. Es ist das erste Mal, dass ich dieses Schwert ziehe und so ist mir zuvor auch noch nicht aufgefallen, dass die Klinge graviert ist. Die Kanji 切霜 (Kirishimo) zieren das Metal. Das bedeutet „Frostschneider“ oder „Nebelschneider“. Irgendwie kommt mir dieser Name und auch das Schwert auf seltsame Weise sehr vertraut vor, fast, als bestünde eine persönliche Bindung zwischen mir und der Waffe. Ich lege sie nicht zurück in den Schrein, sondern nehme sie an mich.
Zurück aus dem geheimen Keller der Burg begebe ich mich zu meiner Residenz im zweiten Viertel. Mein Bruder Ujiteru erwartet mich. Wir haben einiges zu bereden. Doch dazu kommt es nicht. Als ich auf dem Weg von der Burg hinunter ins Wohnviertel bin, wird die Nacht plötzlich hell erleuchtet. Eine Wand von Feuerbällen rast auf das Ostviertel zu. Katapulte? Warum haben wir davon nichts mitbekommen? Wie von Donner gerührt bleibe ich stehen und beobachte hilflos, wie die Gebäude im Ostviertel in Flammen aufgehen. „Hideyoshi!“, entfährt es mir wütend. Was bezweckt er? Warum führt er nach einer erfolgreichen Schlacht die Kämpfe in der Nacht fort? Will er uns vernichten, ohne uns die Möglichkeit zur Aufgabe einzuräumen?
Ujiteru hat die Situation im Ostviertel bereits unter Kontrolle, als ich dort eintreffe. Die Männer sind eifrig mit Löschen und der weiteren Verteidigung der Anlagen beschäftigt. Ein Dienstboten-Wohnhaus ist den Flammen unrettbar zum Opfer gefallen, doch das Tor der Winde, das den Eingang zum Ostviertel markiert, konnte gerettet werden. Auch Ujiteru ist fassungslos. Er hat ebenso wenig mit einem weiteren Angriff heute Nacht gerechnet, wie ich.
Nach einer halben Stunde wird das Feuer schlagartig eingestellt. Ich will gerade aufatmen, als plötzlich auf der anderen Seite der Burg Alarm geschlagen wird. Das Westviertel steht in Flammen. Wir kommen mit den Löschen nicht hinterher. Zusätzlich werden die Arbeiten noch durch den ständigen Beschuß durch Bogenschützen erschwert. Wir erleiden nur noch Verluste und erreichen gar nichts. Ich ziehe unsere Leute aus dem Westviertel zurück. Es scheint für uns verloren.
Auch der Beschuß auf das Westviertel hört nach einer halben Stunde auf. Yasuke, einer von Kotarōs Shinobi, sucht mich auf. „Der Sensei hat die Burg verlassen, Hōjō-sama“, teilt er mir mit. Kotarō hat sich also auf den Weg gemacht. ‚Viel Glück, mein Freund‘, wünsche ich ihm stumm.
Weitere Angriffe bleiben nun aus und die Burg kommt etwas zur Ruhe. Ich sitze in unserer Residenz mit meinem Bruder und zweien meiner Söhne zusammen. „Ich werde morgen einen Feldboten schicken“, sage ich zu ihnen, „ich will mit Hideyoshi verhandeln.“ Mein ältester Sohn Ujinao schaut betreten zu Boden. Ujiteru nickt zustimmend. „Ich denke, das ist eine weise Entscheidung, Bruder“, sagt er, „und egal was kommt, ich folge dir wohin auch immer du gehen wirst.“
Es ist inzwischen fast Mitternacht und der erste Tag des achten Monats im vierten Jahr der Regentschaft des Kaisers Kazuhito geht zu Ende.














