* Verherrendes Scharmützel in Tegel
Unruhig erwache ich im Hotelbett, das Bett ist zerwühlt. Der Traum hat wieder wenig Erholung hinterlassen. Ich denke beim Duschen über etwas Ruhe nach, doch nach reiflichen Überlegens wird daraus erstmal nichts. Da ist dieses Wesen im Becken, was uns keine Ruhe lässt, dann mein Schatten, wie Dr. Passow ihn nennt, verdient auch meine Aufmerksamkeit.
Vor dem Frühstück telefoniere ich mit Herrn Walter, der mir aber keine neuen Erkenntnisse geben kann, den Namen der verwirrten Hausangestellte will oder kann er mir nicht geben. Nach einem starken Ostfriesentee entschliesse ich mich, zum Polizei Präsidium zu gehen. Dort werde ich nett aber abweisend behandelt, schließlich habe ich keine Befugnis, mich in deutsche Angelegenheiten zu mischen. Auf dem Rückweg treffe ich Ragnar & wir gehen zu dem Laden für Seefahrtzubehör. Als er mir zeigt, was er so lustig empfunden hat, muß ich staunen: Bartöl aus dem See Hali… kann das Zufall sein?
Ich kaufe mir auch eine Flasche, bin aber etwas verwirrt & verstaue sie in meine linke Innentasche. Nun gehen wir gemeinsam mit den anderen Expeditionsmitgliedern zu der Ausstellung aus dem Südpazifik.
Nach der ersten Ausstellung, wo wir viele interessante, aber für uns bedeutungslose Überbleibsel einer untergegangen Kultur gesehen haben, bleibt mein Blick an einem Objekt hängen, mit folgender Beschriftung:
Kopfstück einer Flöte, gefertigt aus unbekannten Material. Ursprungsort: Neu Kaledonien
Nach längerem Betrachten bin ich mir sicher, es passt zu meinem Mundstück, da ist SIE! Beim unauffälligen Umschauen sehe ich viele Wachen. Als Mare etwas zu dicht an einem der Objekte tritt, wird sie gleich zurückgewiesen. Da brauchen wir einen guten Plan. Meine Freunde haben meine Aufregung mir angesehen & betrachten auch das Artefakt. Gemeinsam verlassen wir die Ausstellung. Draussen schaue ich mich nach verschiedenen Einbruchsmöglichkeiten um, Klettern & die Fensterscheiben mit einem Diamantschneider sind meines Erachtens die beste Variante.
Da wir etwas Hunger haben, fahren wir in den Prenzlauer Berg & essen eine Currywurst mit Pommes Frites bei Konnopke. Wir unterhalten uns nett mit Berliner, die sehr interessiert an uns sind. Nach dem netten Plausch entschließen wir uns, nach Tegel zu fahren. Der Lord brennt darauf, das gelbe Buch zu erhalten. Also fahren wir zusammen nach Tegel.
Als ich das Schloß erblicke, schwinden mir kurz die Sinne. Ich stöhne laut zu meiner Begleitung: „Das ist das Schloß aus Halifax!“ Nun erinnere ich mich an den kompletten Namen des Magiers: Robert Philihin Ulchex Heinrich Medow Lander. Vor dem abgebrannten Anwesen patroulieren 2 Polizisten. Als meine Freunde mit ihnen reden, versuche ich ins Gebäude zu kommen. Ein „Halt, stehenbleiben“ stoppt mich jäh. Ich deute eine Notdurft an, die sehr ernst von den Beamten behandelt & protokolliert wird, wie ich es von deutschen kenne.
Leicht verstimmt von diesem Fehlschlag gehen wir zu Fuß nach Reinickendorf. Es ist sehr ruhig & verlassen, daher entschliessen wir uns, auf Rat des Lords, eine Gaststätte zu mieten, um des nachts wieder ins Gebäude einzudringen. Da nicht genug Zimmer frei sind, entschliessen sich Ragnar & Mare, ins Grand Hotel zurück zu fahren – der Lord pocht auf einen neuen Versuch. Carla, Sanjuro & ich sowie seine Lordschaft bleiben in der Gaststätte.
Um weit nach Mitternacht gehen wir erneut zum Schloß. Niemand ist auf den Straßen, nur hinter vereinzelten Fensters ist noch Licht zu sehen. Leise bewegen wir uns vor, sehen zwei neue Beamte ihre Nachtschicht verrichten. Ausser Hörweite beraten wir lange, bis Mary-Ann einwilligt, für eine Ablenkung zu sorgen. Ihre Entdeckung der Verwandschaft mit diesen Magier von Humboldt kann sich nun in einen Vorteil für einen glaubhaften Vorwand sein.
Seine Lordschaft pocht auf seine Anwesenheit, was ich nicht für klug halte, doch werde ich von seiner leidenschaftlichen Heldenmut überredet. Mit Sanjuro, der erstaunlich ruhig war, dringen wir zu dritt ein. Nach wenigen Momenten vernehmen wir ein lautes Geschluchze. Ein Polizist läuft in Richtung von unserer Ablenkung, ein Beamter bleibt vorort. Immerhin, jetzt oder nie! Als mein japanischer Freund & ich bereits ohne Probleme im Schutze der Ablenkung im Anwesen angelangt sind, warten wir auf den Lord.
Mehrmals leuchtet der Polizist in Richtung des Lords, der auf sich aufmerksam gemacht hat. Erst als Mary-Ann erscheint, nutzt er die Gelegenheit zum Aufschliessen. Drinnen ist es dunkel. Ich fingere mein Feuerzeug heraus & bemerke wieder eine merkwürdige Haltung, die bald wieder abflautet. „Nicht jetzt!“ Denke ich nervös. Meine Gedanken rasen, ich dränge alle voran.
Oben war die Bibliothek, denk ich laut. Leise schreiten wir nach oben, das Theater der Apothekerin ist nun nicht mehr zu vernehmen. Wir haben 3 Möglichkeiten & ich wähle rechts. Wir finden ein total ausgebranntes Zimmer, mit einer weiteren Tür. Ich gehe zur Tür & ein weiteres ausgebranntes Zimmer, ohne Anzeichen eines Buches, präsentiert sich mir.
Wir drehen um & wollen zur Treppe – doch die ist weg. Wir stehen in einem unbekannten Raum. „Genauso war es in Halifax!“ schießt es mir durch den Kopf. Alle begreifen, daß wir uns in einem Labyrinth befinden. Wir rennen. Immer wieder neue Räume, die irgendwie alle ähnlich aussehen. Wir fangen wir irre an, Linien an die Wände zu malen & stoßen wieder auf unsere eigenen Markierungen. Panik macht sich breit. Das Licht wird kleiner.
Mehrmals schreie ich laut, die Nerven liegen brach, Schweiss brennt in meinen Augen. Dann, wie durch eine fremde Hand geleitet, stoßen wir in einen Raum, der wie eine Bibliothek aussieht. Im Dunkeln leuchtet eines bereits gelblich schimmernd. Mit einem Aufschrei stürmt der Lord a
n mir vorbei & greift sich das Werk. Wir hören ein Siegeslachen, das fast wahnsinnig klingt.
Beim zurückschauen sehe ich die Treppe wieder, die hinter führt. Der Lord nimmt das Feuerzeug & schlägt die erste Seite auf, gelbes Licht fließt dampfend pulsirend heraus & verzerrt die Gesichtszüge des Lord bizarr. „Ihr wollt das jetzt lesen?“ frage ich entgeistert. „Natürlich! Was spricht dagegen?“
Ich bin baff, ringe nach Worten. Dann erwidere ich energisch: “ Wir sind in einem verfluchten Schloß, in einem fremden Land, illegaler Weise & draußen stehen Polizisten, die uns jeden Augenblick entdecken können. Zudem ist das Feuerzeug bald alle! Ich will hier raus!“
Wir schauen uns kurz & lange in die Augen, dann erwidert er ruhig: „Natürlich, mein Freund, ihr habt Recht. Lass uns gehen“ & gibt mir das gelbe Buch. „Eines noch, meine Freunde. Wir haben das Buch & behalten das Buch. Um jeden Preis.“ Ich ziehe meine deutsche Sturmpistole & nicke beiden viel sagend zu. Stumm nicken sie zurück. Sanjuro nimmt zögerlich seine Wir schleichen zum Ausgang, der nun auch dort ist, wo er sein sollte.
Draußen sind wie zu erwarten die beiden Polizisten, die Zigaretten rauchend sich die Nachtschicht versüßen. Nervös schleiche ich durch den Garten, bis ich an der Straße hinter einem grösseren Busch Deckung nehmen kann. Sanjuro folgt mir problemlos.
Gerade als der Lord zu uns aufschließen will, hören wir ein „Halt, Stop, oder wir schiessen! Wer ist da!“ Der Lord hebt die Hände, ich bin entsetzt. Mein letzter klarer Gedanke: „Ich dachte, wir gehen rennen nicht aufhalten lassen… erschieße ich die beiden sofort?“ Gehemmt verharre ich jedoch im Gebüsch, Sanjuro ist ebenfalls ratlos. Es pocht in meinem Kopf.
Ein greller Lichtschein blendet uns! „Ihr da, raus da! Herkommen!“ schallt ein deutscher Befehl zu un herüber. Frustriert über soviel Pech hebe auch ich meine Hände & komme ins Sichtfeld der Beamten. Mein japanischer Freund folgt mir brummelnd. Sie überschütten uns mit Fragen. Der Lord versucht mit Rhetorik die Beamten in Schach zu bekommen, doch als ich den Befehl:“Alle mal die Taschen entleeren“ höre, nicke ich dem Lord zu & flüstere „Jetzt!“
Erst nickt er mir mit offenen Mund zu, ich ziehe meine Waffe, dann schüttelt er den Kopf. „Wie kann man so unentschloßen sein!“ fährt es mir durch den Kopf.
Dann geht alles sehr schnell. Mit einem Lächeln schieße ich. Die Kugel fliegt ungehindert durch die Nacht. Der nächste Beamte von mir wendet seine Pistole & schießt mir in den Bauch. Dumpf. Schmerzen. Beine geben leicht nach. Ich drücke nochmal ab, Sand fliegt auf.
Ein erneuter Treffer tief in die linke Schulter lässt mich herumreißen & ich sacke in die Knie. Schemenhaft sehe ich den Kopf & drücke ab. Ein Blutwolke. Noch ein Schuß, Sanjuro fällt auf den Rücken. Ist es das Ende?
Beide Beamten schießen synchron über uns hinweg, ich erwidere & töte den ersten Schützen. Sanjuro bewegt sich weg & sein Angreifer verfehlt ihn. Der Lord hält sich seine Hand, wurde er auch angegriffen? Mit Wut & letzten Überlebenwillen ziele ich & treffe den Hals, nun fällt auch der zweite Beamte röchelnd zu Boden. Instinktiv schaue ich mich nach weiteren Feinden um … niemand … sacke zu Boden, die Pistole gleitet aus meiner Hand.
Mein Sichtfeld verengt sich pulsierend zu einem Tunnel. Wie durch eine Kristallkugel sehe ich den Lord, wie er mir zu hilft. Es fühlt sich schlecht an, was er macht, mir wir übel & ich muß mich ausruhen … kurz mal hinlegen.
Dann sind da viele Wolken in der Nacht.
Pferdegetrappel.
Äpfel. Überall Äpfel.
Lästiges Rütteln. Hart.
Äpfel. Überall Äpfel.
Leise höre ich eine Falcon Motor.
Äpfel. Überall Äpfel.
„Wir sind in der Luft nach England“ sagt mir Sanjuro. Mit einem Lächeln entrücke ich wieder.
Mit einem ziehenden Schmerz erwache ich erneut, einige Krankenschwestern versorgen mich professionell. Der Lord ist auch anwesend. „Wir haben es geschafft, Mycroft, zwar nur die halbe Miete, aber es war die wichtige!“ Das Morphium wirkt dann. Mir ist nun alles egal.
Als ich wieder erwache, bin ich benommen. Der Lord ist wieder im Zimmer, allein. Er sagt: „Ich denke, du verstehst, mein Freund“ & flößt mir den herben Algendrink ein. „Nimm ruhig den Heiltrank, Du brauchst ihn jetzt!“
Langsam greift ein meinen Anzug & holt sich das gelbe Buch.














