因縁 (Innen) – Karma
Ein hartnäckiges Klopfen an meiner Zimmertür beendet meinen Schlaf. Es ist Eren-san. Er entschuldigt sich vielmals für die Störung, aber Miss Myers sei soeben angekommen. Heute schon? Eigentlich hatte ich ihre Ankunft erst morgen erwartet, doch grundsätzlich schätze ich solche Einsatzfreude. Ich bitte Eren-san, Miss Myers einen Tee anzubieten. Ich würde gleich nach unten kommen.
Amanda hat nicht viel Gepäck dabei – einen Koffer, eine Reisetasche und als einziges Möbelstück einen alterschwachen Kleiderständer. Ich helfe ihr, ihre Taschen in das Dienstbotenzimmer im Dachgeschoss zu bringen. Dieses ist bislang lediglich mit einem Bett und einem Nachttisch möbliert. Mir fällt ein, dass aus dem „Drawing Room“, der jetzt mein Dōjō ist, einige Möbelstücke in den Keller gewandert sind. Wenn ich mich recht entsinne, waren unter anderem auch eine Kommode und ein Schreibtisch darunter. Ich habe keine Verwendung dafür, muss aber Amanda regelrecht überreden, die Möbel anzunehmen. Das seien viel zu gute Stücke für eine einfache Hausangestellte, meint sie. „Wenn Sie die Möbel nicht haben wollen, werden sie sicherlich gutes Kaminholz abgeben“, sage ich. Diese Äußerung bewegt Amanda zum Einlenken. Das seien gute und solide Möbel und es wäre ein Jammer, sie dem Feuer zu übergeben. Bevor das passiert, würde sie die Kommode und den Schreibtisch lieber selbst nehmen. Also schleppen Eren-san und ich die Möbel mit vereinten Kräften in das Dachgeschoss.
Der Geräuschpegel im Treppenhaus – es ist nicht gerade einfach, die massiven Möbel drei Stockwerke nach oben zu schaffen – hat Senchō geweckt. Schlaftrunken öffnet er seine Zimmertür einen Spalt breit und murrt: „Was ist denn das für ein Lärm zu so früher Stunde?“ Dann fällt sein Blick auf die Wanduhr und er stellt selbst fest, dass es gar nicht mehr so früh ist.
Nachdem wir Amandas Möbel in des Dienstbotenzimmer gebracht haben, habe ich das Bedürfnis nach Ruhe und Meditation. Es regnet. Ich sitze auf dem überdachten Balkon zu meinem Schlafzimmer. Das gleichmäßige Rauschen der fallenden Tropfen führt mich in die Tiefen der Stille in mir.
Später klingelt das Telefon. Es ist Maikurofuto. Lorudo-dono ist davon überzeugt, dass die Kommode, die er auf der Auktion in Glastonbury erworben hat, ein Geheimnis birgt, dass er bisher noch nicht entschlüsseln konnte. Er möchte nun, dass sich Senchō das Möbelstück mit seinem geschulten Schiffbauerauge auch noch einmal ansieht. „Seit wann erledigst du die Botengänge für Lorudo-dono“, frage ich ungläubig. „Ich hatte gehofft, dass ich dich überreden kann, deine Trainingsschwerter mitzubringen“, gesteht er. Das ist kein Problem, meine ich. Ich gebe Senchō Bescheid, er ist bereit. Schnell noch die Reisetasche – in letzter Zeit endeten meine Besuche auf Highclere Castle immer mit einem längeren Auslandsaufenthalt – und die Trainingsstunden in den Kofferraum des Silverghost und los geht die Fahrt durch das verregnete Hampshire.
Kurz nach elf erreichen wir Lorudo-donos Stammsitz. Der Regen hat inzwischen aufgehört. Lorudo-dono erwartet Senchō bereits in seiner Bibliothek. Maikurofuto begrüßt mich herzlich. „Das ging aber schnell“, staunt er. Ich werfe ihm kampflustig ein Bokutō zu. „Bereit?“, frage ich. Das ist er.
Wir liefern uns einen verbissenen heftigen Schlagabtausch, bei dem es keinem von uns wirklich gelingt, beim anderen einen Treffer zu landen. Dann schaffe ich es aber doch, mich Maikurofuto gegenüber in Vorteil zu bringen. Er versucht sich dieser für ihn ungünstigen Situation zu entwinden, rutscht dabei aber auf dem feuchten Rasen aus und landet der Länge nach auf dem Rücken. Die Spitze meines Holzschwertes deutet auf seine Kehle. Es ist entschieden. Maikurofuto gesteht seine Niederlage ein und ich helfe ihm auf. „Vielen Dank, es war mir eine Ehre“, sagt er, als er wieder auf den Beinen steht, und verbeugt sich respektvoll vor mir – eine Geste, die ich gerne erwidere.
Am Nachmittag – ich versuche gerade, Maikurofuto die Regeln des Go-Spiels nahe zu bringen – landet eine Vickers Vimy auf den Flugplatz von Highclere Castle. „Ach, übrigens, weißt du schon, dass wir morgen nach Berlin fliegen?“, fragt Maikurofuto beiläufig. „Jetzt weiß ich das schon“, antworte ich scheinbar ebenso beiläufig. Mein Freund erzählt mir, dass seine Befragung des Loigors, dem Geschöpf aus der Schlangenstele im Dartmoor, ergeben hatte, dass die letzten Teile, die wir für die optimalen Voraussetzungen, um den alten Gott in seiner Unterwasserstadt zurück in das Reich des Schlafes zu schicken, benötigen – das gelbe Buch und der zweite Teil der gelben Flöte, in der deutschen Hauptstadt wären. Außerdem hatte Marija Lorudo-dono zu einem Vortrag nach Berlin eingeladen. „Vielleicht ist Maria ja auch da“, spekuliert Maikurofuto unterschwellig grinsend. Ich weiß nicht, was an dieser Idee so amüsant ist – vielleicht ist das wieder dieser britische „burraku yumoa“, den ich nicht verstehe. Mich verunsichert die Vorstellung, Maria wiederzusehen eher. Ich habe seit unserer Begegnung auf der Wildenberg nichts mehr von ihr gehört. Warum sollte ich mir Hoffnungen machen? Vermutlich hat sie mich längst vergessen.
Am Abend sitzen wir alle in Lorudo-donos Bibliothek. Wir überlegen, wie wir es schaffen, innerhalb des gesetzten Zeitfensters rechtzeitig zum Punkt Nemo zu kommen. Die Idee, die HMS Euryalus zu kaufen, wurde schon verworfen. Der Kauf des Schiffes und die Einstellung des Personals hierfür übersteigen sogar Lorudo-donos Mittel. Senchō hat von den Brüdern Macpherson Smith gehört. Ihnen war es im letzten Jahr gelungen, mit einer Vickers Vimy in weniger als 30 Tagen bis nach Darwin in Australien zu fliegen. Die reine Flugzeit für das Unterfangen lag bei etwa fünf Tagen. Kontakt zu den Brüdern wurde bereits aufgenommen. Dennoch – zwischen Darwin und Punkt Nemo liegen noch etliche Meilen Ozean, die es zu überwinden gilt. Ein Schiff muss her.
Meine Gedanken driften zurück zum 15. Dezember des letzten Jahres – jener schicksalhafte Tag, an dem die Welt sich zu verändern begann – nein, an dem wir den Lauf der Dinge verändert hatten. Mich plagen noch immer Schuldgefühle und Gewissensbisse. Das Schiff ist mir gar nicht so wichtig – es ist nur ein Schiff – aber ich kann mir einfach nicht verzeihen, dass wir die Mannschaft im Stich gelassen und einem ungewissen Schicksal überlassen haben. Inzwischen wissen wir aus der Zeitung, dass zwei der Männer aufgefunden wurden – beide in einem überaus bedauernswerten Zustand. Den anderen Männern, die an Bord der Arumina gedient hatten, wird es wohl kaum besser ergangen sein – ein Fakt, den ich nicht ändern, ein Fehler, den ich nicht korrigieren kann. Egal wie ich es drehe und wende, egal welche Erklärungen und Entschuldigungen ich auch immer her nehmen mag, um mein Handeln von damals zu rechtfertigen – das Karma dieser Tat lastet schwer auf meiner Seele.
In blinder Panik sind wir feige vor dem Wesen aus dem Becken durch das von Lorudo-dono magisch erschaffene Portal geflohen. Nun müssen wir zurück, um das Schlimmste zu verhindern, und wieder wollen wir das Leben und das Seelenheil Unbeteiligter riskieren? Die Sache passt mir gar nicht. ‚Dono‘, denke ich, ‚der Preis für deine Gier ist hoch. Wieviele sollen noch dafür bezahlen?‘
Maikurofuto meint, er könne seine Kontakte in Neuseeland spielen lassen, um ein Schiff zu organisieren. „Aber dann bitte ein ordentliches Schiff, das dem Sturm am Punkt Nemo standhalten kann, kein Seelenverkäufer“, besteht Lorudo-dono. „Ja, nicht so etwas wie die Arumina“, murmle ich leise vor mich hin. Lorudo-dono aber sind diese Worte nicht entgangen. Er sieht mich entgeistert an und fragt empört: „Was war das denn gerade, Sanjūrō.“ „Es tut mir leid, Dono, ich habe das nicht so gemeint“, entschuldige ich mich, „das war unangemessen.“ Dann empfehle ich mich und verlasse eilig die Bibliothek. Ich bin aufgewühlt und will lieber alleine sein.









