Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

自宅で (Jitaku de) – Zu Hause

Der Tag ist bereits weit fortgeschritten, als ich heute erwache. Die Sonne hat den Zenit längst überschritten und neigt sich dem westlichen Horizont zu. Senchō ist auch gerade erst auf den Beinen und ich schlage vor, das restliche Licht des Tages für einen Trainingskampf im Garten zu nutzen. Senchō ist einverstanden und so hole zwei Bokutō aus meinem Dōjō. Ich lasse ihm zuerst angreifen. Sein Zug ist nicht schlecht, aber zu vorhersehbar. Mit Leichtigkeit gelingt es mir, seinem Schlag auszuweichen. Ich warte eine gute Gelegenheit ab, um selbst einen Angriff zu führen. Senchō erkennt die Situation zu spät. Ich bringe mein Holzschwert kurz bevor es seinen Hals berührt, zum Stoppen. „Du bist nicht fokussiert genug“, sage ich, „wäre das ein ernster Kampf, hättest du jetzt deinen Kopf verloren.“ Senchō dreht sich herum und versucht, die Situation zu wenden. Ich erkenne seine Pläne und bereite mich darauf vor, seinen Angriff zu parieren, doch Senchō stellt sich etwas ungeschickt an. Er hält das Schwert zu locker in den Händen und als er ausholt, um einen Schlag gegen mich zu führen, rutscht ihm das Holz aus der Hand und landet im hohen Bogen zwischen den Seerosenblättern im Teich, wo es langsam versinkt. „Wenn du weiter kämpfen willst, musst du wohl tauchen“, sage ich lachend. Senchō scheint für einen Moment ernsthaft über diese Option nachzudenken, verwirft es dann aber. „Die Fische sollen auch ihren Spaß haben“, meint er. Ich merke sofort, dass das eine Ausrede ist. Es gibt gar keine Fische in meinem Teich… Wie dem auch sei – Senchō scheint die Lust verloren zu haben. Unter einem Vorwand verschwindet er ins Haus. Ich bleibe noch im Garten und erfeue mich an der Lebenskraft der Pflanzen. Ich lasse mich im Meditationssitz auf einer Bank nieder, nehme die Kraft der Natur in mich auf und entlasse sie wieder, lasse sie dabei meine Sorgen, Ängsten, Begierden und Sehnsüchten mit sich in den Abendhimmel tragen.

Später sitze ich mit Senchō zusammen in der Kaminecke im Esszimmer. Wir unterhalten uns lange und angeregt. Senchō ist heute regelrecht in Erzähllaune und berichtet mir von vergangen Abenteuern in Kanada, wo er Lorudo-dono und den anderen begegnet war und in Ägypten, wo er Jane Leigh, eine kampferprobte Krankenschwester, kennengelernt hatte. Senchō spricht heute nicht das erste Mal von dieser Jane. Wenn ich es recht bedenke, redet er in lockerer Runde ziemlich oft von ihr, aber ich hatte bisher noch nicht das Vergnügen, diese Dame kennen zu lernen. Ich frage mich, ob es diese Jane tatsächlich gibt oder ob sie womöglich nur einer Traumphantasie entsprungen ist. Die gleiche Frage stelle ich mir auch jedes Mal, wenn meine Gedanken in die Vergangenheit nach Deutschland und zu Maria wandern. Apropos – Traute, jene der Damen, die wir auf der Burg Wildenberg getroffen hatten, die Senchō umgarnte, hatte offenbar etwas gründlich missverstanden, sagt er. Er habe einen Brief von ihr erhalten, in dem sie von sich als Senchōs Frau schrieb. Diese Tatsache hatte ihn zugegebenermaßen irritiert. Er kann sich nicht erinnern, ihr ein Eheversprechen gegeben zu haben. Hat der Schluddenschnaps seine Sinne so sehr getrübt? Vielleicht wäre es gut, nach Berlin zu reisen, wo Traute sich zur Zeit aufhält, und die Angelegenheit zu klären.

Amüsiert und interessiert lausche ich seinen Ausführungen. Irgendwie scheint der Gute nicht besonders geschickt im Umgang mit Frauen zu sein. Vielleicht sollte er mal etwas neues ausprobieren, denke ich. „Also, falls es mit Jane oder Traute nicht klappt – ich könnte mir da durchaus etwas vorstellen“, gebe ich offen zu, aber Senchō lehnt ab. „Das ist nicht ganz so meine Sache“, sagt er nicht im Geringsten überrascht. Für mich ist das in Ordnung. Es ist mir schon seit längerem ein Anliegen, diese Sache geklärt zu wissen – erst recht jetzt, da wir unter dem selben Dach leben.

Die Nacht vergeht. Als ich schließlich zu Bett gehen will, kündigt schon die Dämmerung am östlichen Horizont die Ankunft des neuen Tages an. Mein Rhythmus ist durch die Nachtwanderung ins Traumland gründlich durcheinander geraten.