Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

森に夜間に (Mori ni yakan ni) – Nachts im Wald

Als ich wieder aufwache, ist bereits die Dämmerung hereingebrochen. Ein lautes Stampfen und Krachen ist aus dem Unterholz zu hören. Hier wird es mir langsam etwas ungemütlich. Dummerweise kann ich aber meine Sachen nicht finden. Weder meine Kleider noch meine Waffen sind noch dort, wo ich sie abgelegt hatte. Auch Maria ist fort. ‚Kitsune…‘, schießt es mir durch den Kopf. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, trotzdem bin ich auf sie reingefallen. Dass meine Sachen verschwunden sind, habe ich mir selbst zuzuschreiben. Irgendwie hat sich das auch gelohnt, nur das Timing ist denkbar ungünstig. 

Von dort, wo ich die Burg vermute, höre ich seltsame Gesänge. Es scheint mir sicherer, mich erst einmal dorthin zurück zu ziehen. „Die Burg ist heilig. Sie wird beschützt“, hatte Maria gesagt, erinnere ich mich jetzt. Ich sollte eigentlich wütend auf sie sein, wundere ich mich, und als ich in mich hinein lausche entdecke ich vieles, aber Groll ist im Augenblick nicht darunter – dafür so etwas wie nackte Panik. Das Stampfen wird lauter und schneller. Ich glaube, es kommt näher. Eilig mache ich mich auf den Weg zurück zur Burg.

Am Tor begegne ich Lorudo-dono. Genauso nackt wie ich kommt er aus dem Zwielicht der Dämmerung hervor. Er wirkt einerseits erfüllt und zufrieden, aber auch eine gewisse unterschwellige Bitterkeit läßt sich in seinem Gesichtsausdruck ablesen. 

Henuri-san hat es auch erwischt. Senchō nestelt gerade in seiner Tasche und kramt eine Tunika hervor, die er Henuri-san überläßt. Als er mich und Lorudo-dono ebenso entblößt ankommen sieht, kramt er auch für uns uns ein paar Kleider aus seiner Tasche. Ich bin erstaunt, was Senchō so alles mit sich rumschleppt und wie groß das Fassungsvermögen seiner Umhängetasche ist. Sie muss von innen größer sein…

Es poltert und kracht im Wald und eine unterschwellige Spannung macht sich unter uns breit. Karura-san zetert mit Lorudo-dono. „Und das nur, weil du deine Hosen nicht anbehalten kannst…“, schimpft sie. Ich kann einer gewisse Schadenfreude nicht widerstehen und grinse feixend vor mich hin. „Und du genauso“, herrscht Karura-san mich nun plötzlich an. Jetzt ist es Lorudo-dono, der schadenfroh grinst. Ich heben abwehrend die Hände und entferne mich sicherheitshalber aus der Schußlinie. Ich taste nach meinen Zigaretten. Ach ja, die Mal Kah-Schachtel war ja auch bei meinen Sachen, die ich auf der Lichtung gelassen habe. Ich frage Senchō, ob ich etwas von seinem Tabak haben könne. „Wieso? Hast du etwa deine Zigaretten verloren?“, fragt er hämisch grinsend. „Baka“, murre ich, dann reicht er mir seinen Tabakbeutel und seinen Flachmann gleich dazu. Den Schnaps lehne ich dankend ab. Ich möchte jetzt nicht trinken.

Karura-san beruhigt sich irgendwann wieder. Wir stehen auf dem Burghof und überlegen, was wir jetzt machen. Dort draußen im Wald treibt eine bedrohliche Kreatur ihr Unwesen und wir können nicht sicher sagen, dass sie sich von der Burgruine fernhalten wird. Hier oben gibt es nichts, wo wir uns verstecken könnten – wir wären der Kreatur völlig schutzlos ausgeliefert. Bei eine Flucht quer durch das Unterholz hätten wir hingegen zumindest eine Chance – egal wie gering – zu entkommen. Senchō bereitet ein paar Brandsätze vor, Mare reicht mir ihren Säbel – dann geht es los.

Halb blind straucheln wir durch den Wald. Es dauert nicht lange, bis wir bemerkt werden. Riesige Tentakeln brechen durch das Buschwerk und versuchen unsere Flucht zu vereiteln. Plötzlich taucht vor uns ein unfassbar schreckliches Geschöpf auf. Mir stockt für einen Moment der Atem. Ich weiß nicht, was das ist… Eine Pflanze? Ein Tier? Nichts von beiden? Wabernde Tentakeln ragen aus einem Leib auf vier knorrigen Beinen empor. Aus den gierigen mit unzähligen scharfen Zähnen bewehrten , finsteren Schlünder des Wesens ist ein grauenvolles Gurgeln und Schlürfen zu vernehmen.

Wir rennen, was das Zeug hält. Um unsere Entrinnungschancen zu erhöhen, teilen wir uns in Zweiergruppen auf. Henuri-san, der mit mir unterwegs ist, strauchelt. Ich zerre ihn wieder auf die Beine. Er jammert, weil er ständig mit seinen baren Füßen auf die umherliegenden Kiefernzapfen tritt. „Reiß dich zusammen“, herrsche ich ihn an und schleife ihn weiter hinter mir her.

Ein Baum kracht durch das Unterholz und landet knapp drei Meter neben uns auf dem Boden. Das war haarscharf. Zu dem Stampfen, Grollen und Schlürfen gesellt sich nun auch ein Knistern. Der Geruch von brennendem Holz und Laub kriecht durch die kühle Nachtluft. Senchō hat das Feuer gelegt. Ein verzweifelter Klageruf  aus der Kehle einer Frau schallt durch die Nacht: „Neeeiiiiiinnnn!!!!“

Wieder kracht es unter dem Bersten brechender Stämme. Ein weiterer entwurzelter Baum fliegt, dieses Mal direkt auf mich zu. Ich versuche auszuweichen, aber ich habe keine Chance. Der Stamm prallt auf meine Brust, nicht mit voller Wucht – die umherstehenden  Bäume haben seinen Flug gedämpft – doch immer noch kräftig genug, um mich einige Meter quer durch das Gehölz zu schleudern. Ein Felsen hält meinen Sturz auf. Grob werde ich gegen die harte Oberfläche geschmettert. Mein Schädel knallt unsanft auf den Stein und die Welt vor meinen Augen beginnt zu verschwimmen. 

Mare ist plötzlich bei mir und versucht mir auf die Beine zu helfen. Es gelingt ihr nicht. Lorudo-dono inspiziert mich und kommt zu einem deprimierenden Schluss. Schädelbasisbruch, meint er. Ich dürfe nicht bewegt werden. Das wäre mein Todesurteil. Das ist keine besonders erfreuliche Erkenntnis. Mein Schicksal scheint besiegelt. So oder so ist es wohl vorbei. Wenn es nun schon enden muss, dann soll es wenigstens nicht durch diese bäumewerfende Monströsität sein. Ich versuche Mares Säbel aus meinem Gürtel zu ziehen. Lorudo-dono soll mir die letzte Ehre erweisen und mir helfen, mich diesem unwürdigen Ende zu entziehen. Doch dazu kommt es nicht. Entgegen Lorudo-donos Rat werde ich nun von Mare und Karura-san durch den Wald geschleppt. Ich habe dem nicht viel entgegen zu setzen. Mein Kopf kann kaum einen klaren Gedanken fassen und mein Körper weigert sich, mir zu gehorchen. Ich kann nur geschehen lassen, was geschieht.

Irgendwann bemerke ich, dass wir Kirchzell erreicht haben. Langsam werde ich wieder etwas klarer im Kopf und registriere nun auch einen drückenden Schmerz in meiner Brustgegend. Es scheint nichts gebrochen zu sein, aber ein paar Tage werde ich wohl sicher mit dieser Rippenprellung zu kämpfen haben. Mare legt mir einen Stützverband an, um die Schmerzen etwas zu lindern. Lorudo-dono erzählt, dass er auf seinem Weg durch den Wald auf einen alten Friedhof gestoßen sei. Keltische Kreuze habe er gesehen, auf denen der Name „von Dürn“ geschrieben stand. Henuri-san brütet über ein paar Papieren, die er vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hat. 

Draußen auf der Straße herrscht reges Treiben. Leute rufen durcheinander und signalisieren Alarm. Ein Blick aus dem Fenster offenbart mir ein feuriges Inferno. Der Berg rund um die Wilde Burg herum steht in Flammen. Ich versuche zu verstehen, was eigentlich passiert ist. Gerade noch hatte ich mein Leben an mir vorbeiziehen sehen, und jetzt war ich hier. [simple_tooltip content=’Ich werde nicht sterben. Nicht jetzt.‘]’Ore wa shinanai. Mada desu.'[/simple_tooltip], begreife ich, während meine Gedanken abdriften – zu Maria.