Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

ヴリルの女流 (Vuriru no joryū) – Die Damen von Vril

Die Augustsonne steht schon hoch am Morgenhimmel, als ich aufwachen. Ich fühle mich ausgruht und und bin frohen Mutes. Die Bergluft und die Nähe zur Natur tun mir gut. Anders sieht es bei Senchō und Karura-san aus. Beide wirken unausgeschlafen und ziemlich besorgt. Auf Nachfragen unsererseits hin erklären sie, dass sie des Nachts von lauten Geräuschen aus dem Wald geweckt worden waren. Senchō berichtet etwas von gigatischen Tentakeln, die Bäume entwurzelt und durch die Luft geschleudert hatten. Aufgrund der Geschichten, die das fahrende Volk zu berichten wußte, vermuten wir, dass die Kreatur nachtaktiv ist, so dass wir bei Tageslicht nichts zu befürchten hätten.

Auf dem Weg zur Burg ist es ruhig. Das fahrende Volk ist bereits abgereist. Etwas unheimlich ist der Fakt, das der Weg mit entwurzelten Bäumen und Schleifspuren gesäumt ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Spuren einer wütenden Kitsune, dem neunschwanzigen  Fuchgsgeist aus der japanischen Mythologie sein müssen. Die Tentakeln, die Senchō heute Nacht zu sehen glaubte, waren womöglich die Schweife des Fuchses. Ich erinnere mich an das Kabuki-Stück, dass ich zusammen mit meinen Freunden in Tokyō gesehen hatte: Kitsune als verruchte Verführerin in ihrem Streben und ihrer Gier nach Macht, der unglückliche Fürst Yoshisugu, der ihr verfiel und sich einstweilen wieder von ihr befreien konnte und sie in den Jukai verbannte.

Es sind keine Polizisten mehr auf dem Berg. Das Sperrgebiet wurde aufgehoben oder die Männer wurden – was ich eher vermute – Opfer des Fuchses. Abgesehen von den unübersehbaren Spuren der nächtlichen Verheerung ist es ein schöner Tag. Es ist warm, die Strahlen der Morgensonne spielen mit dem lichten Laub und ein leichter Sommerwind weht. Es ist halb zehn, als wir die Burg, die wie sich uns nun offenbart nur noch eine Ruine derselben ist, erreichen.

Wir sind nicht die einzigen Besucher. Am Tor haben sich zwei zauberhafte junge Damen zum Tee niedergelassen. Sie scheinen uns zu erwarten, laden uns ein, ihnen beim Tee Gesellschaft zu leisten. Meine Freunde sind misstrauisch, sie verzichten dankend auf das Angebot. Ich aber lasse mir eine Tasse Brennesseltee  reichen. Der Tee hat einen intensiven, torfig angehauchten Geschmack. Die Note ist gewöhnungsbedürftig, aber durchaus schmackhaft. Mare stößt mir ihren Ellenbogen in die Rippen und sieht mich kritisch an. „Sanjūrō!“, herrscht sie mich tadelnd an. „Was denn?“, frage ich verteidigend. Ich bin mir keiner Schuld bewußt. „Es ist doch nur Tee…“ Mare schüttelt verständnislos den Kopf. „Wie kann man nur so naiv sein!“, schimpft sie und stampft dabei wütend mit dem Fuss auf. Das wirkt irgendwie putzig, hält mich aber nicht davon ab, weiter mit den Damen Tee zu trinken.

Die Damen stellen sich als Studienreisende vor. Sie seien von der Gesellschaft von Vril. Eine der beiden, sie heißt Marija, erzählt uns etwas über die Geschichte dieses Ortes. Die Burg Wildenberg wurde etwa um das Jahr 1200 herum erbaut und von den Edelherren von Düren, den Schutzvoigten des Klosters Amorbach, bewohnt. Der Dichter Wolfram von Eschenbach habe hier sein berühmtes Werk „Parzival“ geschrieben. Während sie spricht, tauscht sie verheißungsvollen Blicke mit Lorudo-dono aus.

Maria

Aus dem Innenhof kommt eine dritte junge Frau zu uns. Sie mustert mich interessiert und steuert direkt auf mich zu. „Hallo, ich bin Maria“, sagt sie lächelnd, „Sie sehen aus, als hätten Sie eine lange Reise gemacht. Was verschlägt Sie in diese Gegend?“  

„Desillusion, die Chance auf einem Neuanfang und Abenteuerlust“, antworte ich, erfreut über die mir zuteil werdende Aufmerksamkeit. „Desillusion?“ fragt sie, erkennt dann aber, dass ich über die Gründe, die mich bewogen, Japan zu verlassen, im Moment nicht sprechen möchte. Ich fühle mich zu gut als dass ich mich zu sehr in die alten, belastenden Erinnerungen vertiefen möchte. „Gefällt es Ihnen in unserem Land?“, lenkt sie geschickt das Thema in eine andere Richtung. Ich gestehe, dass ich noch nicht viel von Deutschland gesehen hätte, erzähle aber von meinem Haus in England und dass ich vorhätte, dort länger zu bleiben. Maria fragt mich, ob ich noch meine Verbindung zur Natur hätte. Es ist interessant, dass sie gerade diese Frage stellt. „Ich hatte sie verloren“, antworte ich, „aber ich habe sie wieder gefunden.“ „Das ist gut“, meint Maria und lächelt.

Während wir so plaudern, entfernen wir uns von den anderen. Wir haben eine mit Kräutern und Bergblumen übersäten Lichtung im Wald erreicht. Ein Potpourri magischer Düfte erfüllt die Luft und berauscht mich. Oder ist es Marias Gegenwart, die meine Sinne betört? „Wie wäre es mit einem Stockkampf?“, schlägt Maria vor. Das ist eine gute Idee. Wir suchen uns jeder einen langen Ast, der für diese Zwecke geeignet scheint. Maria zieht ein Messer aus ihrem Gürtel und beginnt, ihren Stab von Zweigen und Rinde zu befreien. Ich nehme mein Wakisashi zu Hilfe, um meinen Stab zu entgraten. Maria bewundert meine Waffe. „Ist das ein altes Schwert?“, fragt sie. Ich verneine. „Aber sie ist von einem Meister“, füge ich nicht ganz ohne Stolz hinzu. Ich zeige ihr die auf der Klinge eingravierten Kanji 石堂 (Ishido), das Signum ihres Urhebers und Zeugnis ihrer Qualität. Ishido-sama schwingt seinen Schmiedehammer nicht für jeden. 

Maria erweist sich als ebenbürtige Kampfpartnerin. Anfangs nehme ich noch Rücksicht, aber schnell wird mir klar, dass das gar nicht nötig ist. Ich gebe alles, doch Marias Kampfkunst steht der meinen in nichts nach. Wir liefern uns einen überaus spannenden Wettstreit. Mal gewinne ich die Oberhand, mal sie, aber keiner von uns ist dem anderen wirklich überlegen. Irgendwann – ich weiß nicht, wieviel Zeit wirklich vergangen ist – beginnen meine Hände zu schmerzen. Meine Konzentration läßt nach und auch Maria zeigt erste Anzeichen von Schwäche. Sie schlägt vor, etwas anderes zu machen. Wie wäre es mit Ringen? Ringen ist eigentlich nicht mein Stil – dafür bringe ich zu wenig auf die Waage. Ich schlage Freistil vor – waffenlos. Alles bis auf direkte Angriffe auf Hals und Gesicht ist erlaubt. Maria gefällt diese Idee. Ihre Augen funkeln angriffslustig, als wir in Stellung gehen, uns lauernd umschleichen und gegenseitig taxieren, jeder bereit, bei einer günstigen Gelegenheit die Offensive zu ergreifen. Fast zeitgleich stürmen wir dann schließlich aufeinander los. Waffenlos kämpft Maria sogar noch besser, als mit dem Stock. Sie bewegt sich schnell und präzise, aber auch ich laufe zur Bestform auf. In einem rasanten Schlagabtausch treiben wir uns gegenseitig zu Höchstleistungen an, doch keiner von uns schafft es, die Verteidigung des anderen zu durchdringen und einen Treffer zu landen. Perfektion trifft auf Perfektion. Es ist mehr ein Tanz als ein Kampf.

Dieser Tanz endet abrupt, als ich dann plötzlich und unerwartet doch einen Treffer lande und Maria mit einem Tritt auf die Brust zu Boden werfe. Tränen schießen ihr in die Augen und ich bin selbst erschrocken über die Wucht meines Angriffs. Besorgt und betroffen beuge ich mich zu ihr herunter. „Es tut mir leid, ich wollte dir nicht weh tun“, entschuldige ich mich. Sie sieht mich aus tränenfeuchten Augen an. „Es ist nur mein Stolz, den du verletzt hast“, sagt sie tapfer lächelnd. Ich wische ihr die Tränen aus dem Gesicht. Zwischen uns herrscht irgendwie eine gewisse Vertrautheit, so dass ich mir nichts weiter dabei denke. Es ist völlig natürli
ch. In diesem Moment ist sie so weich und verletzlich, dass ich sie einfach nur trösten möchte. Maria läßt sich von mir in die Arme nehmen und beginnt mich küssen – zunächst vorsichtig zögernd, dann immer forscher. Ich weiß gar nicht so recht wie mir geschieht. Diese unirdisch schöne und kriegerische Frau will MICH? Ich kann es kaum fassen. 

Auf einem Bett aus Blumen lasse ich mich von ihr in das Reich der Ekstase entführen. Wild und animalisch ist es, und dann auch wieder sanft und hingebungsvoll, ein Wechselbad der Emotionen, das in einem euphorischen Rausch seinen Höhepunkt findet. Ich bin erfüllt und zufrieden, aber auch ziemlich müde. Maria liegt noch in meinen Armen, als ich schließlich vom Schlaf übermannt werde.