信仰題 (Shinkō dai) – Glaubensfrage
Es ist Sonntagmorgen. Das Geläut der Dorfkirche ruft zum Gottesdienst. Es ist eine gute Gelegenheit, mir einen Eindruck zur Praxis des Christentums zu verschaffen. Ich habe zwar auch in Visoko schon einen – genauer gesagt sogar zwei – Gottesdienste besucht, aber zum einen wurden diese in Sprachen gehalten, die mir fremd sind und zum anderen stürzte zu diesem Zeitpunkt sehr viel Neues auf mich ein. Ich lasse Kimono und Haori heute im Schrank, ziehe einen dunkeln Anzug und sogar eine Krawatte an.
Es ist ein schöner, sonniger Morgen. Ich mache einen Spaziergang die Lockhams Road entlang hinunter ins Dorf. Die Kirche ist bereits gut gefüllt, als ich ankomme. Ich nehme in der letzten Reihe Platz. Die anderen Besucher schauen mich teils interessiert, teils verwundert an. Zwei Reihen vor mir sehe ich den rothaarigen Jungen aus dem Nachbarhaus. Er hibbelt nervös auf seinem Platz herum. Als er mich entdeckt, winkt er mir fröhlich zu. Ich lege einen Finger auf die Lippen und bedeute ihm, ruhig zu sein. Dies ist immerhin ein Gebetshaus und die Menschen kommen hier her, um Ruhe zu finden – das vermute ich zumindest. Die Frau, die neben Oliver sitzt, dreht sich zu mir um und spricht dann kurz mit dem Herren zu ihrer rechten Seite (vermutlich ihr Gemahl). Dieser blickt ebenfalls in meine Richtung und nickt mir grüßend zu. Ich erwidere diesen Gruß mit einer leichten Verbeugung.
Der Gottesdienst dauert etwa eine Stunde. Es wird gebetet und gesungen, und es gibt eine Predigt. Es geht darum, dass schlimme Dinge im Leben geschehen, dass die Wege Gottes unergründlich sind und dass man trotzdem darauf vertrauen kann und muss, dass ER das Richtige tut. Nach dem Gottesdienst stelle ich mich dem Reverend vor. Er habe schon gehört, dass das Anwesen von Reginald Fletcher verkauft worden sei und heißt mich in der Gemeinde willkommen.
Der Herr, der mich in der Kirche gegrüßt hatte, kommt gemeinsam mit seiner Familie auf mich zu. Außer der Missis und Oliver ist noch ein kleines Mädchen dabei – sie dürfte etwa fünf Jahre alt sein.
„Verzeihen Sie, Sir, gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie der neue Eigentümer und Bewohner von Curdridge Hill sind?“ fragt er höflich. Ich bestätigen seine Vermutung. „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist William Harrington. Das ist meine Frau Clara und unsere Kinder Oliver und Linda. Wir sind Ihre Nachbarn. Uns gehört das Anwesen neben Ihrem Wohnsitz. Es ist mir eine Freude, Sie kennen zu lernen.“ Er reicht mir die Hand. „Okumura“, antworte ich und erwidere seinen Händedruck. Noch immer fühlt sich dieser Akt des europäischen Kennenlern-Rituals etwas ungewöhnlich für mich an. „Es ist mir eine Ehre, Mr. Harrington. Mrs. Harrington.“ Ich nicke der Dame zu.
Mrs. Harrington ergreift das Wort: „Ich bin ja so erleichtert, dass Sie Christ sind, Mr. Okumura“, sagt sie. Ich stutze.
„Ich muss Sie enttäuschen, Milady, ich bin kein Christ“, antworte ich. Mrs. Harrington wird plötzlich sehr blaß.
„Sie sind kein Christ?“, fragt sie unsicher nach, “ Sie glauben nicht an Gott?“ Ich bestätige das.
„Aber… aber… dann haben Sie ja gar keine Seele…“, bringt sie stammelnd hervor. Das Entsetzen und Mitleid darüber stehen ihr direkt ins Gesicht geschrieben.
Ich will gerade einwenden, dass ich durchaus glaube, über soetwas wie eine Seele zu verfügen, als Mr. Harrington sich einmischt.
„Clara, wie kannst du so etwas sagen!“, fährt er sie an, „Wegen solch unbedachter Äußerungen sind schon Kriege ausgebrochen.“
„Es tut mir leid, Mr. Okumura,“ entschuldigt er sich dann bei mir.
„Ja, mir auch“, antwortet Mrs. Harrington schnippisch und bestimmt: „wir wüssen jetzt gehen. Einen schönen Sonntag noch, Mr. Okumura“, fügt sie mit einem deutlich aufgesetzten Lächeln hinzu.
Mr. Harrington zuckt hilflos mit den Schultern, als seine Gattin ihn regelrecht vom Kirchhof zerrt. Oliver winkt mir heimlich zu.
Als ich noch ein paar Gesprächen über diesen Gott, seinen Sohn und das was man darf und was man nicht darf, zuhöre, wird mir immer klarer, dass diese Religion mich gar nicht anspricht. Besonders seltsam mutet mir das Konzept von Paradis und Hölle an. Ins Paradis kommen diejenigen, die ein gottgefälliges Leben geführt haben, in die Hölle diejenigen, die der Sünde verfallen waren. Dort erwartet einen entweder ewige Glückseligkeit im Paradis oder eine Ewigkeit der Qualen in der Hölle. Beide Zustände stellen in diesem Glauben etwas Endgültiges dar, und gerade diese Endgültigkeit ist es, die sich mit meiner Vorstellung vom Jenseits nicht vereinbaren läßt. Ich bin kein besonders gläubiger Mensch, aber ich bin der festen Überzeugung, dass das menschliche Dasein auf Erden einen Zyklus von Leben, Sterben und Reinkarnation unterliegt. Was dazwischen liegt und ob es noch etwas darüber gibt, weiß ich nicht.









