Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

神話 (Shinwa) – Mythen

Lorudo-san, Henuri-san, Karura-san und Mari-chan hocken inmitten eines großen Stapels von Büchern. Wonach wir suchen, frage ich leise und Henuri-san berichtet mir von einem Traum der letzten Nacht, worin er in eine glänzende Rüstung gekleidet mit einem federgeschmückten Helm durch die Landschaft geritten sei. Dieser Traum hatte seinem Gefühl nach etwas mit den Rittern der Tafelrunde zu tun und er wolle wissen, welches seine empfundene Rolle in dieser Geschichte sei.

Sir Henry?

Ich blättere in den Büchern und fange an zu lesen. Eigentlich wollte ich auch nach Hinweisen zu Henuri-sans Traum suchen, doch ich lasse mich von den Legenden um König Artus, die Tafelrunde, das Schwert Excalibur und den Heilgen Gral gefangen nehmen. Es gibt verschiedene Versionen der Geschichte, aber alle berichten, dass der König das Land unter dem Banner des Christentums zu vereinigen strebte um einem Zeitalter des Friedens den Weg zu bereiten. Artus und seine Ritter sahen sich immer wieder mit schweren Prüfungen konfrontiert – die Suche nach dem Heiligen Gral war nur eine davon. Ob der Heilige Gral tatsächlich gefunden wurde, wo er herkam und wo er hinging – darin sind sich die Legenden nicht einig. Doch alle Erzählungen laufen auf ein tragisches Ende hinaus. Die Tafelrunde zerfällt und der König stirbt durch die Hand seines eigenen Sohnes, den er gemeinsam mit seiner Halbschwester Morgan le Fay zeugte. Bei aller Ehrenhaftigkeit, die Artus und seine Ritter erstrebten, scheiterten sie am Ende an ihren ureigenen menschlichen Schwächen. 

„King Arthur’s Death“ – Illustration von G.H. Thomas (1862)

Als ich von den Büchern aufsehen, stelle ich erstaunt fest, dass ich inzwischen allein in der Bibliothek bin. Ich war so sehr in die Geschichten vertieft, dass ich nicht einmal bemerkt habe, dass meine Freunde bereits gegangen sind. Die große Wanduhr zeigt an, dass es bereits kurz vor sieben ist. Erst jetzt bemerke ich, dass sich bei mir ein gewisses Hungergefühl bemerkbar macht. Die Bücher laufen nicht weg, denke ich mir und mache mich auf den Weg in den Speisesaal. Dort treffe ich tatsächlich meine Freunde, die gerade ihr Dinner beendet haben. Professor Jung, erzählen sie, plant für heute Abend eine neue Art der Therapie unter dem Titel „Tanze dein Trauma“. Es beginne um  halb acht.

Eigentlich steht mir der Sinn so gar nicht nach Tanzen, aber ich lasse mich von Mari-chan überreden, mitzugehen. Dummerweise entschließt sie sich dann aber, lieber mit Henuri-san zu tanzen, was meiner Stimmung nicht gerade zuträglich ist. Auch mit der Musik, die aus dem Grammophon schallt, kann ich nicht besonders viel anfangen. Viel zu verspielt, viel zu glatt, viel zu oberflächlich. Ich stehe am Rand der Tanzfläche und beobachte die tanzenden Paare und dann passiert es doch noch: die Fröhlichkeit und Gelöstheit der Tanzenden schwappt auch auf mich über. Ich registriere ein Lächeln auf meinen Lippen und ertappe meinen Fuß dabei, wie er rhythmisch im Takte der Musik hüpft. Gerade habe ich genug Mut gesammelt, um mich unter das tanzende Volk mischen zu wollen, als Jung sich für unsere Teilnahme bedankt und die Sitzung für beendet erklärt. Dumm gelaufen, Okumura, denke ich bei mir, du bist zu spät dran… Zumindest für dieses Mal…

Tanz auf Highclere Castle

Henuri-san hat es eilig. Er will unbedingt noch mit dem Professor sprechen. Jung unterhält sich gerade mit einem Kollegen, unterbricht aber sein Gespräch, als Henuri-san sich nähert. Er begrüßt ihn und auch Lorudo-san, der sich ihm angeschlossen hat, offensichtlich erfreut. Henuri-san und Lorudo-san berichten von unserem Ausflug nach Glastonbury, unserer Entdeckung im Brunnen und der kollektiven Vision, die wir dort empfangen haben. Jung ist begeistert und entschuldigt sich bei seinem Kollegen, um den Ausführungen meiner Freunde zu lauschen. Er heißt die Idee, der Spur nach dem Gral in Winchester weiter nachzugehen, gut. „Nehmen Sie am normalen Leben teil“, rät er. Dann empfiehlt er sich und wünscht uns noch einen schönen Abend. 

Es werden Pläne für den nächsten Tag gemacht. Wir sind uns einig, dass wir nach Winchester fahren wollen. Ich will die Nacht auf Curdridge Hill verbringen. Ich bin heute am frühen Nachmittag recht spontan losgefahren und bin nicht auf einen längeren Ausflug vorbereitet. Wir entscheiden also, dass wir uns morgen um 10:00 vor der Kathedrale in Winchester treffen wollen. Lorudo-san, Karura-san und Mari-chan wollen die Motorräder nehmen. „Nicht schon wieder im Beiwagen…“, murmelt Henuri-san und erklärt sich spontan bereit, mich zu begleiten. Ich würde mich hier ja nicht so gut auskennen, behauptet er, und es müsse ja nicht sein, dass ich mich verfahre. Ich halte mich zurück und sage nicht, dass ich auf dem Weg nach Newbury an Winchester vorbei gekommen bin und dass ich den Weg bestimmt auch wieder finde. 

Auf dem Weg nach Curdridge Hill fragt mich Henuri-san, ob es auch in Japan Geschichten gäbe, die vielleicht der Artus-Saga ähneln. Mir fallen einige Parallelen ein. So gibt es etwa auch in Japan ein legendäres Schwert, das Kusanagi, erzähle ich. Es gehört zu den drei Throninsignien Japans und soll der Legende nach von Susanoo, Kami der Stürme und Sohn der Schöpfergötter Izanagi und Izanami, aus dem Leib einer achtköpfigen Schlange gezogen worden sein, die er um, eine holde Maid zu retten, besiegte, indem er sie mit Sake betrunken machte. Das Kusanagi soll heute im Schrein von Atsusa aufbewahrt werden, so heißt es, aber niemand kann sagen, ob es wirklich dort ist oder ob es tatsächlich jemals existiert hat. 

Viele Jahre später, erzähle ich weiter – wir haben inzwischen Curdridge Hill erreicht und haben es uns bei einem guten Schluck Sake gemütlich gemacht – gab es drei Männer, die das zersplitterte und von Bürgerkriegen, Intrigen und Machtkämpfen zerrüttete Japan der Zeit der streitenden Länder (Sengoku) vereinten und eine zweieinhalb Jahrhunderte andauernde Ära des Friedens einläuteten: Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu. Oda, so heißt es in den Überlieferungen, brach die Steine, Toyotomi bearbeitete sie und Tokugawa, fügte sie zusammen um den Weg in das neue Zeitalter zu bereiten.

Im Vergleich zur Legende um König Artus aber seien diese Ereignisse noch recht jung und ließen sich eindeutiger einem historischen Kontext zuordnen, aber schon jetzt wird di
ese Zeit in Japan gerne in einem idealisierten und glorifizierendem Licht gesehen. Ich selbst bin auch so ein verklärter Romantiker, der der „guten alten Zeit“, die ich selbst nicht einmal erlebt habe, nachtrauert. Mein Großvater, Okumura Takeshi, der letzte Samurai meiner Familie, hatte mir, als ich ein kleiner Junge war, oft Heldengeschichten – kleine überlieferte Erzählungen von edelmütigen Kriegern, die den einfachen Menschen im Kampf gegen das Böse in menschlicher oder dämonischer Gestalt beistanden – erzählt. Kaum das ich lesen konnte, schenkte er mir eine Ausgabe des Hagakure, eine Sammlung von Anekdoten, Geschichten und Weisheiten aus dem Leben als Samurai in der Edo-Zeit. Zu meinem achten Geburtstag erhielt ich von ihm das Bushidō, den Verhaltenskodex und die Philosophie des japanischen Kriegeradels, ein Werk aus dem 17. Jahrhundert. Beide Bücher haben mich nachhaltig geprägt. Japan und Großbritannien sind gar nicht so weit voneinander entfernt, wie man im ersten Moment glauben möchte. Die sieben Tugenden eines Samurai, Aufrichtigkeit, Mut, Güte, Höflichkeit, Wahrhaftigkeit, Ehre und Loyalität, die das Bushidō nennt, decken sich verblüffend genau mit der britischen Vorstellung von den Tugenden des Rittertums, von denen ich heute in Lorudo-sans Bibliothek erfahren habe.

Es geht schon auf Mitternacht zu und wir beschließen, schlafen zu gehen. Ich sitze auf meinem Futon und lasse den Tag in meinem Geist Revue passieren. Ich höre Musik. Es sind die Lieder, die während Professor Jungs Trauma-Tanz aus dem Grammophon erklangen und die mein Gedächtnis nun rekapituliert. Eine gewisse Heiterkeit und Leichtigkeit erfüllt mich. Ich gebe einem aufkommenden Drang nach Bewegung nach und beginne zu tanzen.