聖杯伝説 (Seihai Densetsu) – Die Legende vom Heiligen Gral
Professor Jung erwartet uns in der Privatbibliothek, die Lorudo-san uns zu diesem Zweck zur Verfügung stellt. Nachdem alle angekommen sind, begrüßt er uns, dankt uns für unser Erscheinen und klärt uns über den Grund dieser Zusammenkunft auf. Er sei, wie auch andere hier, sagt er mit einem Seitenblick auf Henuri-san, ein wahrer Sucher des Heiligen Gral – eine Leidenschaft die er mit seiner Frau Emma, die zur Zeit die gemeinsamen Kinder in Zürich hüten würde, teilte. Ich habe schon verschiedene Geschichten gehört, die sich um dieses mysteriöse Gefäß, dem große spirituelle Kräfte zugesprochen werden, in Europa rankten – aber es waren eben nur Geschichten. Die tatsächliche Existenz des Grals konnte bisher niemand belegen. Jung aber spricht in tiefer Überzeugung davon, dass dieser Gral auf irgendeine Weise existieren muss – sei es nun tatsächlich stofflich oder in einem übertragenen Sinne, wonach der Gral und seine magischen Kräfte symbolisch für das Erreichen der vollkommenen Freiheit stünde.
Der Gral, so heißt es, sei der Kelch aus dem Jesus Christus, der Mann, welcher der Legende nach als Erlöser der Christen gilt, beim Letzten Abendmahl getrunken hätte und in dem sein Blut bei der Kreuzigung seines Leibes aufgefangen worden sein soll. Jung glaubt fest daran, dass, wenn dieser Gral tatsächlich in einer stofflichen Form existierte, er hier in England sein müsste. King Arthur, der das Christentum auf die Insel gebracht hatte, soll im Besitz dieses Gefäßes gewesen sein. Ganz in der Nähe, meint Jung, befände sich eine der ältesten christlichen Siedlungen Groß Britanniens – Glastonbury. Hier, vermutet er, muss der Gral zu finden sein oder doch zumindest weitere Spuren und Hinweise auf seinen Verbleib.
Jungs Ausführungen wirken auf mich etwas wirr – vielleicht liegt das aber auch einfach nur daran, dass ich weder mit den Schriften der Bibel noch mit den Details des Mythos um King Arthur und seine Ritter besonders vertraut bin. Zwischen den Zeilen aber glaube ich zu erkennen, dass Jung hier von einer tieferen universellen Wahrheit spricht, die mit Worten kaum zu erklären und mit dem menschlichen Verstand nicht einmal ansatzweise zu begreifen ist.
Als Jung seine Ausführungen zur Gralssuche beendet, richtet Mari-chan das Wort an ihn. Er komme ja aus Zürich, ob er vielleicht einen gewissen Bernhard Link kenne, möchte sie wissen. Jung bejaht dies, gibt aber gleichzeitig zu verstehen, dass er von Links Ideen, die er „freudianisch“ nennt, nicht besonders überzeugt sei. Sex, sagt er, sei kein Problem sondern eine körperliche Funktion. Auch in unserer Gruppe behauptet er sexuelle Spannungen zu spüren. Er rät uns, über alles, was irgendwie zwischen uns steht und uns blockiert, zu sprechen und es nicht tot zu schweigen. Er schlägt vor, dass wir uns alle entkleiden sollten, um diese Spannungen zu überwinden. „Wie bitte?“, entfährt es Mari-chan empört, „sie alter Lustmolch!“ Jung quittiert diesen Ausfall nur mit einem Schulterzucken. „Die Herrschaften sind wohl heute nicht in Therapiestimmung“, meint er gelassen lächelnd.









