夢の国 (Yume no kuni) – Das Land der Träume
Nachdem meine Freunde gegangen sind, widme ich mich dem Buch, das Lorudo-san mir mitgebracht hat. Es ist die Geschichte eines kleinen Mädchens, der zehnjährigen Alice, das (im Traum?) durch ein Kaninchenloch in eine wundersame Welt reist, in der es von fantastischen und sonderbaren Kreaturen nur so wimmelt und in der sie zahlreiche Abenteuer bestehen muss. Mit Spannung folge ich Alice in diese bizarre Welt und durchleben mit ihr diverse Wachstums-, Schrumpfung- und Verformungszustände. Die Bilder, die sich beim Lesen in meinem Kopf bilden sind derart skuril, dass ich gar nicht mehr aufhören kann, still in mich hinein zu grinsen. Das Buch fesselt mich und ich tauche immer tiefer in das Wunderland ein. Irgendwann merke ich aber, dass die Buchstaben vor meinen Augen zu tanzen beginnen und dass die Sätze, die ich lese, in meinem Geist nicht mehr ganz ankommen.
Ich lege das Buch zur Seite und schenke mir gewohnheitsmäßig einen Schlummertrunk ein, als ich mich an das grüne Pulver erinnere, das Senchō mir gegeben hat. Irgendwie kommt mir die Geschichte vom Traumland ziemlich komisch und unglaublich vor, aber es reizt mich schon auch, herauszufinden, was hinter dieser Geschichte wirklich steckt. Skeptisch prüfe ich das Pulver. Tatsächlich wirkt es der Konsistenz und Farbe nach wie getrocknete und zerriebenen Algen und es riecht auch ein wenig so. Ich probiere vorsichtig eine Prise der Substanz – sie ist geschmacklos und außer einem leichten Kribbeln auf der Zunge, das ich mir vielleicht auch nur einbilde spüre ich nichts. Also was soll’s, denke ich mir, schütte den Inhalt der Dose in meinen Sake und leere die Schale mit einem Zug.
Ich spüre, wie mein Körper schlagartig schwer und müde wird und ehe ich auch nur dazu komme, darüber nachzudenken, warum das so ist, finde ich mich auf einer seltsamen Lichtung wieder.
Riesige Pilze und Farne umgeben den Ort und wie Glühwürmchen huschen kleine magische Lichter durch die Luft, die in den unterschiedlichsten Farben leuchten. Unter meinen baren Füßen spüre ich das Moos, das in verschieden Grün- und Violetttönen den Waldboden bedeckt. Ich stehe auf beiden Beinen. Kein Schmerz – kein gebrochener Knochen.
Nun entdecke ich, dass ich nicht allein hier bin. Ich mache zunächst nur schemenhaft drei weitere Gestalten aus, die sich nach einer Weile als Lorudo-san, Mari-chan und Maikurofuto erweisen. Maikurofuto greift in eine Truhe, die hier auf der Lichtung steht, und reicht mir eine Tunika. Erst jetzt wird mir bewußt, dass ich gänzlich unbekleidet hier angekommen bin was mir ob Mari-chans Gegenwart jetzt auch etwas unangenehm ist. Hastig werfe ich mir die Tunika über.
Maikurofuto stöbert noch weiter in der Kiste, flucht hin und wieder und nimmt ein paar Dinge heraus. Er wirkt geistig voll gegenwärtig – ganz anders als in dem bedauernswerten Zustand, in dem ich ihn zuletzt gesehen habe.
In einiger Entfernung befindet sich eine Ortschaft. Das sei Ultar, erklärt mir Maikurofuto, und schlägt vor, zunächst dorthin zu gehen. Ich bin das erste Mal in dieser Gegend und halte mich daher an meine Freunde, die sich hier offenbar besser auskennen. Kaum dass ich in Gedanken den Entschluss gefaßt habe, nach Ultar zu gehen, finde ich mich auch schon vor den Toren einer europäisch mittelalterlichen Stadt wieder. Es herrscht reges Treiben in den Straßen und ich fühle mich ein wenig unwohl. Ich habe das Gefühl, dass wir die Blicke der Einheimischen uns nicht gerade wohlgesonnen sind und dass die Leute über uns tuscheln. Ich schüttle diesen Gedanken zunächst ab. Ich bin fremd hier und wahrscheinlich ist dieser paranoische Anflug nur ein Ausdruck meiner Unsicherheit, sage ich mir.
Maikurofuto und Lorudo-san versuchen mit einigen Passanten zu sprechen, diese weichen aber den Kommunikationsversuchen meiner Freunde deutlich aus. „Ihr seid hier nicht erwünscht“, sagt schließlich einer der vorbeigehenden Männer. Hier kommen wir nicht weiter.
Meine Freunde wollen nun in eine Schiffbauerstadt zu einer Händlerin namens Esme. Wieder reicht der gefasste Vorsatz aus, um uns ans Ziel zu bringen. Meine Freunde steuern zielstrebig auf ein kleines Haus zu, in dessen Fenster ein Leguan sitzt. „Was wollt ihr denn hier“, sagt das Tier abschätzig und wendet uns demonstrativ den Rücken zu. Ein sprechender Leguan also… Was es nicht alles gibt…
Maikurofuto klopft an die Tür. Es öffnet eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters. Sie scheint mit Lorudo-san und Maikurofuto bekannt, über ihr Erscheinen jedoch erstaunt zu sein. Lorudo-san berichtet von dem abweisenden Verhalten der Einheimischen und fragt Esme, ob sie wüßte, woran das läge. Esme erklärt, dass ein großes Unglück über diese und unsere Welt hineinzubrechen drohe, mit dem wir in irgendeiner Form in Verbindung stünden. Vielleicht hatten wir es ausgelöst, vermutet sie. Maikurofuto und Lorudo-san schauen betreten zu Boden. „Hab ihr etwas getan, was ihr nicht hättet tun sollen“, fragt Esme. „Das machen wir ständig“, antwortet Maikurofuto zynisch.
Lorudo-san will nun wissen, was wir tun können, um dieser Bedrohung Einhalt zu gebieten. Esme weiß es nicht. Sie weiß auch nicht, um was für eine Bedrohung es sich konkret handelt. Sie rät uns, im hiesigen Gasthaus und im Meerschaumturm bei den drei Weisen Rat zu suchen. Sie bietet uns noch eine dunkle Paste, eine magische Substanz, an, die uns bei der Erfüllung dieser Aufgabe helfen könnte.
Maikurofuto will noch eine Schmiede aufsuchen. So gänzlich ohne Bewaffnung fühlt er sich unwohl – ein Umstand, den ich absolut nachvollziehen kann. Bei Schmied Etop finden wir eine Auswahl gut gearbeiteter Langschwerter. Die Waffen sind im Vergleich zu meinem Katana eher klobig in der Handhabung, aber nach etwas Übung komme ich auch damit zurecht. Das Schwert sei zwar ganz gut, sage ich, aber es ginge noch besser. Etop horcht auf. Er sei der beste Waffenschmied in dieser Gegend, betont er empört, hält dann aber inne.
„Ihr seid aus dem Südland“, stellt er dann fest. Eigentlich eher aus dem Osten, denke ich bei mir, aber hier ist ja alles anders. „Ja“, antworte ich also und Etop nickt interessiert. Er habe schon von der besonderen Schwertschmiedekunst dieser Lande gehört. Es ist mir eine Ehre und eine Freude, Etop ein paar Grundlagen dieser Kunst nahe zu bringen.
Nachdem wir uns ausgerüstet und von Etop verabschiedet haben, suchen wir das örtliche Gasthaus „Zum Seemannsgarn“ auf. Hier treiben sich eine Menge rauer Kerle herum – vor allem Seeleute. Wir schnappen Gerüchte über ein verfluchtes Schiff auf, das seit einiger Zeit die Meere heimsucht. Lorudo-san wird hellhörig. Der Name dieses Schiffes sei „Almina“, heißt es. Sie sei von Tentakeln umgeben und treibe die armen Seeleute, die sich ihr näherten, in den Untergang oder Wahnsinn. Man rät uns, falls dieses Schiff uns auf unseren Reisen begegnete, sich ihm nicht zu nähern. Darüber, wie wir die offenbar von uns heraufbeschworene Bedrohung abwenden können, erfahren wir nichts. Also machen wir uns auf den Weg zum Meerschaumturm, wo wir uns von den drei Weisen eine Antwort auf unsere Fragen erhoffen.
Der Meerschaumturm ist ein bizarres Gebäude. Wellenförmig gebogen erhebt es sich am Rande des Meeres und es scheint tatsächlich vollständig aus Meerschaum zu bestehen. Wir betreten den Turm und müssen am Eingang unsere Waffen ablegen. Dann empfangen uns die drei Weisen, tadelnden und vorwurfsvollen Blickes. Wir erfahren von ihnen, dass ein mächtiger alter Gott erwacht sei, nein, dass wir diesen Gott geweckt hätten, als wir in die Unterwasserstadt R’yleh eingedrungen sind und dort eine magische Kugel entwendet hätten, der nun seine Streitkräfte, das „Sternengezücht von Cthulhu“, sammle und die Welten zu vernichten drohe. Wie wir ihn aufhalten können, will Lorudo-san wissen. Es bedürfe eines Zauberspruches – eines sehr mächtigen Zauberspruches – erklären die drei Weisen, der „Bannen von Cthulhu“ heißt. Wir könnten ihn bei einem Zauberhändler erwerben. Diese Händler sammeln und t
auschen Zaubersprüche. Man lernt etwas Neues und vergißt dafür etwas Bekanntes. Die Zauberhändler erkenne man an ihren auffälligen roten Roben. Wo wir einen dieser Händler finden können, will Maikurofuto wissen. Wir sollten es an der Handelstraße nach Di’atlehn versuchen, heißt es.
Die Handelstraße ist stark frequentiert. Händler mit Karren und Körben streben in beide Richtungen. Wie selbstverständlich wandeln zwischen den Menschen auch aufrecht gehende schuppenbedeckte Geschöpfe – intelligente Echsenwesen. Von all diesen neuen Eindrücken überwältigt betrachte ich das bunte Treiben. In einiger Entfernung erkenne ich eine Person, die durch ihr leuchtend rotes Gewand auffällt. Vielleicht ist das einer dieser Zauberhändler, nach denen wir hier Ausschau halten. Ich weise meine Freunde auf den näher kommenden Mann hin. Maikurofuto spricht ihn an und schlägt ihm ein Geschäft vor.
Der Mann stellt sich als Wag Ryo vor und erklärt, dass er Zaubersprüche sammle und tausche und dass er gerne zu einem Handel bereit sei, wenn wir etwas entsprechendes anzubieten hätten. Wir scheinen auf den Richtigen gestoßen zu sein. Lorudo-san fragt nach dem Zauberspruch „Bannen von Cthulhu“. Wag Ryos Augen weiten sich. „Ach ihr seid das also“, sagt er. Unser oder zumindest Lorudo-sans Ruf scheint uns weit voraus zu eilen.
Er sei im Besitz des gesuchten Zaubers, erklärt Wag Ryo, und fragt, was Lorudo-san im Gegenzug anzubieten hätte. Lorudo-san zählt eine Reihe von Zaubersprüchen auf, die er behauptet zu kennen, darunter einen „Zeitschrumpfungszauber“. Dieser ermögliche es dem Anwender, zwei Schritte zu tun, wenn andere nur einen täten – einer Art Beschleunigungszauber also. Das könnte im Kampf recht nützlich sein, denke ich mir.
Wag Ryo und Lorudo-san werden sich schließlich handelseinig. Beide lassen sich am Straßenrand nieder. Wag Ryo legt Lorudo-san seine Hand auf die Stirn. Lorudo-san verdreht die Augen und verliert das Bewußtsein. Er würde in etwa zwanzig Minuten wieder zu sich kommen, beruhigt uns Wag Ryo. Er scheint gerade in Handelslaune und bietet mir den Zeitschrumpfungszauber, denn er gerade bei Lorudo-san eingetauscht hatte, an. Ich hätte nichts, was ich im Gegenzug anbieten könne, gestehe ich, ich kenne keine Zaubersprüche. Es gäbe noch etwas anderes, das er als Gegenleistung gerne annehmen würde. Neben Zaubersprüchen wäre er natürlich auch an magischer Energie interessiert. Ich runzle die Stirn. Magische Energie? Ich wußte gar nicht, dass ich über so etwas verfüge. Aber gut – ich habe nicht viel zu verlieren – was ich nicht kenne, werde ich wohl kaum vermissen – und wenn diese Magie wirklich funktionieren sollte, kann das nur von Vorteil sein. Also lasse ich mich auf den Handel ein.
Wag Ryo legt nun auch mir die Hand auf die Stirn. Mir wird schwindelig. In rasender Geschwindigkeit dringen tiefe Erkenntnisse in mich ein, mehr und schneller, als mein Verstand fassen kann. Vor mir eröffnet sich die gleichermaßen beängstigende und erhebende Unendlichkeit des Universums, bevor mir mein Bewußtsein entgleitet. Als ich wieder zu mir komme, fühle ich mich verändert, ich kann es aber nicht genau beschreiben oder erklären.
Meine Freunde wollen weiter. Ich bin noch so sehr in Gedanken und versuche das Erlebte zu verstehen, dass ich ihnen einfach folge. Erst, als wir eine lange Brücke überqueren, richtet sich meine Aufmerksamkeit wieder mehr nach außen. Ich spüre, dass ich dabei bin, die Existenzebene der Traumlande zu verlassen. Kurz darauf erwache ich in meinem Krankenhausbett. Die Sonne ist bereits aufgegangen und mein Bein liegt immer noch im Gips. Ich bin frustriert und würde am liebsten direkt zurück gehen. In diesem Moment klopft es an der Tür und die Schwester bringt das Frühstück. Mit gefülltem Magen lässt meine Frustration deutlich nach und weicht einem Gefühl der Ruhe und der Gewissheit, etwas über die Welt erfahren zu haben, das mir bislang verborgen geblieben war.









