カイブルノに遠足 (Kaiburun ni ensoku) – Ausflug nach Kyeburn
Ausgestattet mit einem Picknickkorb aus dem Hotel „Oriental“ treffen Lorudo-san, Karura-san und Maikurofuto um kurz vor neun am heutigen Morgen am Bahnhof Dunedin ein. Uns steht eine vierstündige Eisenbahnfahrt nach Kokonga, bevor von wo aus wir weiter nach Kyeburn zur Winterbottom-Ranch reisen werden. Der Zug fährt pünktlich um 9:00 ab. Standesgemäß reisen wir erster Klasse.
Die Fahrt auf der Tairi Gorge Railway Linie führt uns durch fruchtbare Hochebenen und über zerklüftete Täler. Ich bin beeindruckt von der hiesigen Brückenbaukunst. Etwa auf der Hälfte der Strecke über queren wir ein Viadukt, in dessen Tal die Überreste einiger Eisenbahnwaggons zu erkennen sind. Mir wird bei diesem Anblick spontan schwindelig und ich muss den Blick vom Fenster abwenden. Als wir das Viadukt überquert haben, hält der Zug an und ein älteres Paar steigt aus. Für mich sieht es so aus, als würden sie sich für etwas bedanken. Wir erfahren, dass hier vor einiger Zeit ein Güterzug abgestürzt sei. Der Lokführer kam bei diesem Zugunglück ums Leben. Bei dem Paar handelt es sich vermutlich um Angehörige des unglückseligen Eisenbahners.
In Sutton legen wir einen planmäßigen Halt ein, um den Wassertank der Lokomotive aufzufüllen. Wir warten eine halbe Stunde auf den Gegenzug und nutzen die Gelegenheit, um uns die Beine an der frischen Luft zu vertreten. Fast pünktlich können wir die Fahrt fortsetzen und erreichen schließlich am frühen Nachmittag den Bahnhof Kokonga.
Während wir nach einer Möglichkeit zur Weiterreise erkundigen, fällt uns ein interessantes Gefährt auf, das vor einem Pub geparkt ist. Es ist ein offenes, motorisiertes Fahrzeug, das aber anders als die uns bekannten Automobile nur über einen Sitz verfügt. Es hat sehr hohe und stabile Räder, wirkt geländegängig und macht auf mich eher den Eindruck eines land- oder forstwirtschaftlichen Nutzfahrzeuge denn den einer adäquaten Transportmöglichkeit für wohlhabende Städter.
Nach einer kurzen Weile kommt ein Mann aus dem Pub und bewegt sich schnurstracks auf das Fahrzeug zu. Er freut sich über unser reges Interesse an seinem „Antichrist“, wie er den Highwheeler liebevoll nennt. Wir kommen ins Gespräch. Er stellt sich als Jimmy Carter vor. Als der Name “ Winterbottom“ fällt, wird er hellhörig. Seine Farm sei direkt neben der Winterbottom-Ranch gelegen. Ein komischer Kauz soll er gewesen sein, dieser Henry Winterbottom – ein Waffennarr (das liegt wohl in der Familie) und ständig hätte er neue Hunde gehabt. Niemand weiss, was mit den alten geschehen sei.
Jimmy Carter bietet uns an, uns mit seinem „Antichrist“ mitzunehmen, wir entscheiden uns aber, Pferde zu mieten und die 13 Kilometer nach Kyeburn zu reiten.
Gegen zwei Uhr nachmittags erreichen wir die Ranch. Das Wohnhaus – ein einfacher Holzbau – ist abgebrannt. Außerdem gibt es noch ein Stallgebäude und eine Scheune auf dem Grundstück.
Wir untersuchen das Innere des Hauses. Hier wurde offenbar eingebrochen, geplündert und ein Feuer gelegt, um die Spuren zu verwischen. Entsetzen und Enttäuschung spiegeln sich auf Lorudo-san Gesicht, als er in Richtung Kamin schaut und nur noch die Überreste einer augenscheinlichen Karte entdeckt.
Aus dem Kamin fischen wir die verkohlten Überreste eines Tagebuches. Hier finden sich Hinweise auf eine Karte, einen Stein und eine Goldscheibe, die Henry Winterbottom im Jahre 1914 auf einem Trödelmarkt gefunden hatte. Maikurofuto und Lorudo-san werfen einander verschwörerische Blicke zu. Sie scheinen genau zu wissen, wovon hier die Rede ist.
Bevor wir zurück nach Dunedin fahren, statten wir dem Friedhof in Kyeburn noch einen Besuch ab, wo Henry Winterbottom bestattet wurde. Das Grab ist schlicht und schmucklos. Auf dem Grabstein findet sich die Inschrift „Ecce Agnus Dei“. Das ist Latein, erklärt mir Maikurofuto, und bedeutet „Siehe das Lamm Gottes“, ein Zitat aus der Bibel, dessen Bedeutung mir nicht ganz klar wird.
Um 19:00 Uhr dann nehmen wir den letzten Zug nach Dunedin, wo wir um 23:00 den Bahnhof und wenig später das Hotel „Oriental“ erreichen. Mari-chan und Senchō sind nicht da. Vermutlich schlafen sie schon. Ich nehme noch einen letzten Sake an der Bar und begebe mich dann auch in mein Zimmer.












