義務 (Gimu) – Verpflichtungen
“Guten Morgen, Sanjūrō, aufwachen.”
“Noch einen Moment”, murmle ich im Halbschlaf.
Ich fühle mich, als hätte ich kaum mehr als eine Stunde geschlafen. Die Schatten eines nächtlichen Albtraums, in dem die mumienhafte Kreatur mit Fetzengewand und Knochenkragen mich verfolgte, hallen noch immer nach.
Henry lässt mir Tee auf das Zimmer bringen, aber auch der hilft nur bedingt, meinen müden Geist etwas in Schwung zu versetzen.
Ich will versuchen, weiter zu schlafen und bitte Dr. Nidelven, die nun auch nach mir schaut, um Medikamente, die mir dabei helfen, doch ihr Interesse gilt mehr der Verfärbung an meinem Bein als meinen Medikationswünschen. Auch sie ist ziemlich neben der Spur, weniger klar, weniger fokussiert, als ich sie sonst kenne.
Mit einer Haarnadel prüft sie, ob die verdunkelte Stelle auf meiner Haut schmerzempfindlich ist. Das ist sie, bestätige ich sie und hoffe, dass damit ihrer Neugier Abhilfe geschaffen wurde, doch das ist nicht der Fall. Immer wieder sticht sie mit ihrer Haarnadel, trotz meiner lautstarken Proteste, in mein Bein. Carla, angelockt von meinem Schimpfen, gesellt sich zu ihr. Dr. Nidelven möchte nun auch meine anderen Körperteile auf Schmerzempfindlichkeit untersuchen. Carla findet diese Idee toll und gemeinsam beginnen sie mich nun an verschiedenen Stellen zu pieksen. Das ist mir zu viel.
“Das ist genug”, begehre ich auf, “lasst mich in bitte in Ruhe.” Doch mein Einwand findet kein Gehör. Henry bietet stattdessen an, während dieser skurrilen Prozedur, deren Sinn und Zweck sich mir völlig entzieht, meine Hand zu halten. Ich fühle mich verhöhnt und sehe nicht länger ein, auf meine Kosten für das Amüsement der drei anderen Anwesenden zu sorgen.
Energisch springe ich auf.
“Es reicht!”, fahre ich sie an, “Verschwindet! Alle! Lasst mich in Ruhe!”
Das zeigt Wirkung. Carla, Dr. Nidelven und Henry verlassen mein Zimmer. Ich muss mich zusammenreißen, um die Tür hinter ihnen nicht mit einem lauten Knall zuzuschlagen.
Kaum, dass ich alleine bin, fühle ich mich wieder beklemmt und mutlos. Zum Glück ist es hell, aber ich bin erschüttert. Ich erkenne mich nicht wieder und mir gefällt nicht, was aus mir geworden ist: ein Sklave, ein duckmäuserisches, furchtsames Etwas. Das will ich nicht sein. Ich muss irgendwie einen Weg finden, da heraus zu kommen, aber im Augenblick bin ich zu frustriert, um klar denken zu können.
Ich beschließe, trotz meiner Erschöpftheit und Müdigkeit aufzustehen und nicht den ganzen Tag trübsinnig und depressiv vor mich hin sinnend im Bett zu verbringen. Ich mache mich frisch, ziehe mich an und begebe mich zum Frühstück in den Salon. Dort erfahre ich, dass Carla in der letzten Nacht das Bannritual entschlüsseln konnte. Eine der Hauptzutaten für das Ritual ist ein Pilz, der himmelblaue Unterwasserbovist, der im magischen Pilzwald in den Traumlanden zu finden sein soll. Mary-Ann hat diesen Pilz noch nicht in ihrer Sammlung, aber das Buch beschreibt ziemlich detailliert, wie man ihn finden und erkennen kann. Carla teilt diese Information mit uns. Er fällt durch seine himmelblaue Färbung auf und man findet ihn in nebligen Senken.
Nach dem Frühstück versuchen wir in die Traumlande zu gelangen, um dort den benötigten Pilz zu finden, doch statt der magischen Lichtung erwartet mich nur das erschreckende Antlitz der bösen Zauberin. Henry, der sich zum Träumen neben mich gelegt hat, ist bereits wach, als ich einen Angstschrei unterdrückend aus meinem Albtraum aufschrecke. Auch ihm ist es nicht gelungen, den magischen Pilzwald zu erreichen.
Wir begeben uns in den Salon, wo heute der Fünf-Uhr-Tee bereits um vier gereicht wird. Dr. Nidelven hat es geschafft, sich in den Pilzwald zu träumen und sie hat den himmelblauen Unterwasserbovisten dabei. Es entbrennen hitzige Gespräche über das wie und wo und wer. Ich kann den vielzählig und wild durcheinander geäußerten Gedanken kaum folgen. Mein Kopf tut weh. Ich brauche frische Luft. Ich schnappe mir mein Schwert und gehe in den Garten, um mich dort ein wenig körperlich auszulassen, doch ich bin überhaupt nicht in Form. Es gelingt mir nicht, meine Mitte zu finden und zu halten. Meine Gedanken lenken mich ab. Ich bin zutiefst unzufrieden. Nach einer Weile resigniere ich und schleudere frustriert die Klinge von mir, was mir schon im nächsten Moment leid tut. Das Schwert kann nichts dafür, dass ich nicht gut drauf bin. Reumütig hebe ich die Klinge wieder auf, entschuldige mich stumm bei ihr für meine Unkontrolliertheit und lasse sie standesgemäß und respektvoll zurück in die Saya gleiten. Mir wird klar: ich brauche Hilfe. So kann es nicht weitergehen.
Als ich zurück ins Haus komme, haben sich die anderen bereits zur Vollführung des Bannrituals in die Bibliothek zurückgezogen. Es ist mir ganz Recht, jetzt im Moment niemanden um mich zu haben. Vielleicht finde ich so etwas Ruhe, um nachzudenken.
Es gibt drei Dinge, die ich angehen muss, um wieder einigermaßen klar zu kommen: ich muss das Mal und den Fluch der bösen Zauberin loswerden, irgendwie einen Weg finden, mich dem Mi-Go zu entziehen und vor allem muss ich jemanden oder etwas finden, der oder das mir hilft, das Erlebte zu verarbeiten. Der Mi-Go wird wahrscheinlich das Schwierigste, das mir bevor steht. Vielleicht muss ich mich auch damit abfinden, dass ich ihm nicht entkommen kann, aber noch bin ich nicht bereit, aufzugeben. Mein Kampfgeist kehrt langsam zurück, stelle ich beruhigt fest, aber er allein wird mir diese Last nicht nehmen können. Egal, was ich mir überlegen werde, um seinem Einfluss zu entrinnen – der Mi-Go wird mir immer einen Schritt voraus sein. Er kennt meine Gedanken, bevor sie mir selbst bewusst werden. Ich wundere mich, dass ich überhaupt fähig bin, derart frei zu denken. Vielleicht ist der Mi-Go doch nicht so mächtig, wie ich dachte und kann mich nicht ständig überwachen und kontrollieren. Mit Sicherheit bin ich neben Bernhardt Link nicht das einzige menschliches Experiment, um das er sich kümmern muss.
Dennoch, ich werde Unterstützung brauchen, wenn ich diese Angelegenheit für mich entscheiden will, jemanden, dem ich voll vertrauen und auf den ich mich mehr als hundertprozentig verlassen kann. Und ich brauche etwas, womit ich mich, und sei es nur teilweise oder temporär, gegen Dr. Krebs Einfluss und Kontrolle abschirmen kann, ein Zauber oder ein Artefakt vielleicht. Vielleicht weiß Esme einen Rat oder sie weiß, an wen ich mich wenden kann? Canas, ich sollte mal wieder nach Canas reisen. Aber solange die böse Zauberin mich des Nachts heimsucht, werde ich den Weg in die Traumlande wohl nicht so leicht finden. Also muss ich dieses Problem zuerst angehen.
Die Tür zur Bibliothek öffnet sich. Henry, Dr. Nidelven, Carla, Mare und der Lord kommen, sichtlich erschöpft aber guter Dinge heraus. Sie haben es geschafft. Der Erfolg wird wie üblich mit Gin begossen. Ich trinke nur der Höflichkeit halber mit. Mir ist nicht nach Feiern zu Mute. Während Henry und der Lord mit feucht fröhlichem Gesang die Glorie Britanniens preisen, harre ich in mir versunken grübelnd aus. Ich fahre auch nicht mit, als die frohgemute Gesellschaft aufbricht, um sich ein Bild davon zu machen, ob das Ritual denn nun auch wirklich zu Blakelys Heilung geführt hat.
Das hat es wohl. Nach anderthalb Stunden sind sie zurück und berichten, dass sie Blakely zwar schwach und ausgemergelt, aber wieder in seiner normalen menschlichen Gestalt in seinem Krankenzimmer aufgefunden hatten. Vor dem Krankenhaus hatte sich eine Traube von Journalisten angesammelt. Von Wunderheilung war die Rede.
Mir ist in der Zwischenzeit auch eine Idee gekommen. Es kostet mich etwas Überwindung, den Lord um einen Gefallen zu bitten und zunächst reagiert er auch mit Unverständnis, als ich ihm offeriere, dass ich sein Bild “Dämmerung über Halifax” und das Henkelkreuz ausleihen möchte, um Pickman noch einmal zu treffen.
“Warum willst du noch einmal zu Pickman?”, fragt er befremdet.
Ich hebe meinen Hakama an und deute auf das Mal auf meinem Bein.
“Deswegen”, erkläre ich, “Pickman hat uns von der Hexe erzählt. Vielleicht weiß er, wie ich das hier wieder loswerden kann.”
Das leuchtet ihm ein. Henry bietet sich an, mich zu begleiten. Ich bin dankbar dafür. Ich wäre auch allein gegangen, aber es ist gut, jemanden dabei zu haben, der im Zweifelsfall die Augen mit offen hält.
Gesagt, getan. Wenig später finden wir uns in der Bibliothek vor dem Bild meditierend wieder. Wir haben wieder die Krux Ansantas Roben und die Älteren Zeichen sowie das Henkelkreuz zu unserem Schutz dabei. Ich versinke in die Szene. Besonders fasziniert bin ich heute von dem Hundsmenschen, der auf dem Gemälde abgebildet ist und genüsslich an einem menschlichen Arm kaut. Es ist der Arm einer Frau. Während ich das Bild und die Kreatur auf dem Friedhof weiter betrachte, entwickle etwas wie Empathie für dieses Wesen. Es ernährt sich in Menschenfleisch, dem Fleisch toter Menschen wohlgemerkt. Warum auch nicht? Das ist doch eigentlich ganz normal.
“Pickman! Pickman”, ruft Henry neben mir.
Ich schaue mich verwirrt um. Sind wir etwa schon da?
Wir befinden uns tatsächlich schon auf dem nächtlichen Friedhof.
Es dauert nicht lange, bis aus einer Krypta die Kreatur, die sich Pickman nennt, auf uns zu kommt.
“Ihr…”, grummelt er, “was wollt Ihr schon wieder.”
Henry übernimmt das Wort und berichtet, dass Blakely auf dem Weg der Genesung sei und Ghadamons Kommen in unsere Welt verhindert werden konnte. Pickman nickt zustimmend.
“Hoffentlich hat er daraus gelernt”, röchelt er.
Dann erkläre ich, warum ich wirklich noch einmal zurück gekommen bin. Von umständlichen Höflichkeitsfloskeln, die meine Unsicherheit jedoch trotzdem kaum zu verbergen vermögen, begleitet, erbitte ich Hilfe bei der Überwindung des Mals der bösen Zauberin.
“Ihr müsst Celephais aufsuchen, die Katzenmatriarchin in der Anderswelt”, meint Pickman, “sie kennt sich mit sowas aus.”
“Und wo kann ich sie finden?”, möchte ich weiter wissen.
“In den Traumlanden”, antwortet Pickman.
“Die Traumlande sind groß”, erwidere ich, “wo genau?”
Aber Pickman will oder kann mir nicht mehr verraten.
“Fragen hilft”, meint er schnippisch, “und wenn es juckt, lasst euch nicht einfallen, euch selbst zu häuten.”
An Henry gewandt fährt er fort: “Wenn ihr ein guter Freund seid, hindert ihr ihn daran.”
Was soll diese Bevormundung?
“Tomodachi inai (Ich habe keine Freunde)”, murre ich verärgert, wohl wissend, dass das nicht der Wahrheit entspricht.
“Wenn wir noch etwas wissen möchten, dürfen wir Sie dann noch einmal aufsuchen?”, fragt Henry.
“Dürft ihr”, röchelt Pickman, “aber bringt Snacks mit.”
Snacks nennt er es also. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir den Geschmack von Menschenfleisch auf meiner Zunge vorstelle. Das ist irgendwie seltsam.
Bevor wir uns daran machen, in die Wachwelt zurück zu kehren, gibt Pickman mir noch etwas mit auf den Weg.
“Ihr schuldet mir etwas”, knurrt er.
Bevor ich protestieren kann, erwache ich in der Bibliothek in Halton House. “Noch ein Gefallen…”, seufze ich resigniert. Ich wehre mich innerlich nicht einmal mehr dagegen sondern nehme diese neue, unfreiwillige Verpflichtung einfach hin, auch wenn mein Leben dadurch nur noch mehr zur Qual wird.
Im Salon brennt noch das Feuer im Kamin. Ich nehme mir einen Gin und schaue nachdenklich in die Flammen. Der Besuch bei Pickman hat mir nicht das gebracht, was ich erhofft hatte. Ich muss jemanden in den Traumlanden finden, um etwas loszuwerden, dass es mir erschwert, überhaupt in die Traumlande zu reisen. Aber eigentlich ist das nur logisch. Ich habe mir das Mal in einem Traum zugezogen, daher kann ich mich auch nur in einem Traum wieder seiner entledigen – mit Hilfe einer Katzenmatriarchin, die vermutlich auch einen Gefallen für ihre Unterstützung verlangen wird, falls sie mich überhaupt für würdig genug empfindet, mich anzuhören.
Es ist schon nach zehn, als es an der Tür läutet. Es ist Mycroft. Er wird herzlich von den anderen begrüßt. Ich halte mich zurück, bin eher still und warte ab. Es dauert nicht lange, bis er sich zu mir gesellt. Wortlos umarmen wir uns. Allein das hilft mir schon, mich nicht mehr ganz so verloren zu fühlen.
“Hey Shinyū”, begrüßt er mich, “wie geht es dir?”
Ich spüre, wie sich tatsächlich ein Lächeln den Weg auf meine Lippen bahnt, als er mich anspricht.
“Ich hatte schon bessere Zeiten”, gestehe ich, “aber jetzt, da du hier bist, geht es mir schon besser.”
Mycroft mustert mich aufmerksam. Er erkennt, dass ich verändert bin, dass ich meinen Schneid und meine Zuversicht verloren habe.
“Wir müssen reden”, meint er, “allein.”
Dieses Bedürfnis habe ich auch, aber heute kommt es nicht dazu. Zu groß ist die Aufregung und Begeisterung ob seiner Rückkehr.
Auch gelingt es mir nicht, die Traumlande zu erreichen, doch ich werde mehrmals des Nachts wach, weil Mycroft im Nebenzimmer laut und ziemlich verzweifelt nach Mary-Ann ruft.









