盗犯 (Tōhan) – Einbruch
Der Tag der Ausstellungseröffnung ist gekommen. Um fünf Uhr am Nachmittag beginnen die formalen Festivitäten.
Einige der weit her gereisten Gäste sollen in den Gästezimmern der Geradeskas einquartiert werden, daher müssen wir unsere Zimmer räumen und ziehen in das nahegelegene Piombino, wo Carla ein eigenes Landhaus besitzt. Dort beziehen wir für den Rest unseres Aufenthaltes hier in Italien Quartier.
Nachdem wir uns eingerichtet haben, bittet Mycroft mich um einen Trainingskampf. Ich nutze die Gelegenheit, um den Kampf mit dem Schild zu trainieren. Es ist schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal mein Schwert gegen einen Schild geführt habe und damals auch nur im Training und nicht in einer Schlacht. Ich bin etwas eingerostet und verzettle mich, als ich während meines Angriffs versuche mich an die Unterweisungen meines Senseis vor mehr als 20 Jahren zu erinnern. ‚Hör auf zu denken‘, ermahne ich mich selbst im Stillen, aber es ist zu spät. Mein Bokken prallt an Mycrofts Schild mit einer derartigen Wucht ab, dass ich die Kontrolle verliere. Das Schwert gleitet mir aus der Hand und Mycroft setzt schon zu seiner Gegenoffensive an. Ich sehe einen tiefen Tsuki, einen geraden Stoß, auf mich zukommen. Es gelingt mir, mich durch eine geschickte Rolle zur Seite seinem Angriff zu entziehen. Ich schaffe es auch, mein Schwert zu greifen, doch als ich mich weiter auf den Rücken drehe, um von dort aus weiter zu agieren, spüre ich schon die Spitze von Mycrofts Holzschwert an meiner Kehle. Triumphierend grinst er auf mich herab. Ich muss mich geschlagen geben.
Ich fordere eine Revanche, welche Mycroft mir gerne gewährt, doch auch, wenn ich dieses Mal etwas umsichtiger agiere, gelingt es mir über zwei Stunden hinweg einfach nicht, auch nur ein einziges Mal die Oberhand zu gewinnen. Ich frage mich, ob es allein Mycrofts Technik ist oder ob nicht der Schild, der ganz offensichtlich von irgendeiner Art Magie erfüllt ist, einen wesentlichen Anteil zu seinem Kampfesglück beiträgt.
Nachdem Mycroft und ich unser Training beendet haben, wendet sich der Lord an mich und bittet mich, mit dem Bokken auf ihn loszugehen. Auch er möchte den Umgang mit dem Schild üben. Anders als Mycroft verfügt er jedoch über keine nennenswerten Vorerfahrungen in dieser oder anderen Formen der Kampfkunst, so dass die Magie seines Schildes allein nicht ausreicht, ihn vor meinen Angriffen zu schützen.
Franco, der uns zur Ausstellungseröffnung mit seinem Bus abholen sollte, erscheint früher, als erwartet.
„Onkel sagt, in der Ausstellung ist heute Nacht eingebrochen worden“, ruft er aufgeregt. Nun herrscht auch bei uns helle Aufregung. Es steht außer Frage, dass wir den Tatort untersuchen wollen. Franco fährt und dorthin.
Die Polizei ist bereits vor Ort und hat die Ermittlungen aufgenommen. Es wurde nur ein Ausstellungsstück entwendet, eine von drei kleinen Goldtafeln. Unklar ist das Motiv. Ugolino gesteht, dass es sich bei diesen Tafel möglicherweise nicht um Originale handelt. Viel mehr Ertrag als ihren Goldwert dürfte man auf dem Schwarzmarkt damit nicht erzielen können. Verwunderlich ist auch, dass andere Ausstellungsstücke, die allein ihres Materialwertes wegen schon mehr einbringen würden, unberührt blieben.
Wir untersuchen vorsichtig die beiden verbliebenen Tafeln. Auf den Rückseiten finden sich Staubspuren, die ein Muster abbilden. Mycroft meint, das Muster zu erkennen. Er glaubt eine Beschreibung desselben in einem Roman von Jules Vernes gelesene zu haben. Es soll sich um eine sogenannte „Fleißnersche Schablone“ handeln, mit deren Hilfe Nachrichten codiert und decodiert werden können. Ich verstehe nur die Hälfte, von dem, was er erzählt, denn meine Gedanken kreisen um etwas anderes.
Dr. Krebs, der Mi-Go… Seit Wochen habe ich nicht an ihn gedacht. Fast schon hatte ich ihn vergessen, doch ausgerechnet jetzt spüre ich wieder seine Präsenz. Ganz subtil, kaum wahrnehmbar, spüre, wie er meinen Körper benutzt, meine Augen, um zu sehen, meine Ohren, um zu hören. Irgendetwas hat seine Aufmerksamkeit und sein Interesse erregt.
Ich leiste keinen direkten Widerstand, als ich die Gegenwart des Mi-Go registriere. Vielmehr versuche ich, meinen Geist zu leeren, nicht zu denken und mich von Emotionen frei zu machen, doch das ist schwierig in dieser Umgebung. Ich muss allein sein. Ich brauche Ruhe, um zu meditieren, wenn ich meine Freunde nicht in Gefahr bringen möchte.
Wer weiß, was es mit diesen Goldtäfelchen auf sich hat. Ich habe das Gefühl, dass es gerade jetzt für mich besser wäre, möglichst wenig darüber zu wissen. Dr. Krebs ist scheinbar nicht uninteressiert daran.
Ich beschließe, mich still und heimlich ohne viel Aufmerksamkeit zu erregen von dannen zu machen. Ich lasse lediglich Mycroft wissen, dass ich mich empfehle, bleibe ihm aber eine Erklärung für meinen Abschied schuldig.
„Glaub mir, es ist besser so“, sage ich nur.
Ich lasse mir ein Taxi rufen, das mich nach Piombino zu Carlas Landhaus bringt. Dort begebe ich mich direkt in mein Gästequartier. Ich übe mich in Meditation und Stille und spüre, während ich reflektiere, eine wachsende Entschlossenheit und Zuversicht in meinem Herzen.
Nach ein paar Schwertübungen am Abend und einem leichten Abendessen gehe ich zeitig zu Bett und bete, dem Mi-Go nicht in meinen Träumen zu begegnen.









