Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

渇望 (Katsubō) – Hunger

Die Salthurst Residenz trägt Trauer. Agatha ist inzwischen auf das Anwesen zurückgekehrt. Lord Salthurst trägt die Hoffnung, dass die vertraute Umgebung ihre Erinnerung zurück bringe. Wir dürfen mit ihr sprechen und werden zu ihrem Zimmer gebracht.

Eine Frau mit langem, schwarzen Haar steht am offenen Fenster und blickt hinaus. 
„Agatha, hier sind ein paar Menschen, die mit dir sprechen möchten“, spricht Lord Salthurst sie an. Die Frau am Fenster dreht sich um. Hübsch ist sie, doch in ihren jungen und ebenmäßigen Zügen spiegeln sich auch die Lasten kürzlicher traumatischer Erfahrungen.

Sie kann sich an nichts erinnern, weiß auch nicht, was ein Älteres Zeichen ist, das Carla ihr entgegen hält. Fragend betrachtet Agatha das Schutzamulet und lässt es für einen kurzen Moment über ihrer Hand schweben, bevor sie es Carla zurück gibt. Diese Frau hat interessante Fähigkeiten, aber sie weiß nichts darüber, und selbst wenn, kann sie sich gerade nicht erinnern. 

Wir sprechen weiter mit ihr, über Liam, den Ausflug, das Gedicht… allmählich kehren einzelne Erinnerungsfetzen in Agathas Gedächtnis zurück.
“Er wollte das perfekte Gedicht schreiben und es mir vorlesen.“
“Und, hat er es getan?“
“Wir haben es gelesen. Nachts. Draußen.“
Agathas Worte werden von unkontrolliertem Kichern begleitet. Als sie Mycroft erblickt, wird ihr Kichern für einem Moment noch unkontrollierter, dann wird sie plötzlich ganz ruhig, doch in dieser Ruhe, kann ich ihre Angst, ihre Panik, geradezu riechen. 

„Er wird kommen“, flüstert sie, ihren Blick fest auf Mycroft gerichtet, “nein, er ist schon unter uns.“
Dann geht alles ziemlich schnell. Agatha klettert auf die Fensterbank und springt dann ohne zu zögern aus dem zweiten Obergeschoss das Hauses hinab in den Innenhof. 

Das Schicksal hat es trotz aller Tragik dieser Geschichte gut mit ihr gemeint. Der Sturz hat sie sofort getötet, so dass sie weder lange leiden noch ein Dasein als Krüppel erfahren muss. Ich bedaure ihren frühen Tod und bete für ihre Seele, wenngleich ich meine Zweifel habe, dass überhaupt irgendjemand oder irgendetwas dieses Gebet hört.

Agathas Freitod beschäftigt mich noch, als wir bereits auf dem Weg zurück ins Severn Star sind. Was hat sie gesehen, was hat Mycrofts Gegenwart und die durch ihn getragene Präsenz des König in Gelb in ihr ausgelöst? Beim privaten Lunch in Hotel beraten wir, was wir tun können, um der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Mycroft schlägt vor, ein Ruderboot zu organisieren, doch das Ufer ist so dicht, dass es schwierg bis unmöglich wird, mit einem Transportfahrzeug nahe genug heran zu kommen, um ein Boot einzusetzten. Und ein Ruderboot eine gute Meile quer durch unwegsames Gelände zu tragen, stelle ich mir auch nicht gerade besonders lustig vor. Aber am Woolgreens Lake gibt es doch bereits ein Boot, etwas lädiert zwar, aber nicht unreparierbar, auf jedem Fall scheint mir die Reparatur des kleine Bootes am See als weniger aufwendig als der Antransport eines neuen Bootes.

Gesagt, getan. Direkt nach dem Lunch machen wir uns erneut auf den Weg an die Ufer das kleinen Sees. Mycroft versucht sich als Handwerker und stellt erfolgreich unter Beweis, dass seine ausgeprägte Fingerfertigkeit sich nicht nur die lautlose Überwindung von schließmechanischen Barrieren eigenet. Mit wenigen gezielten Handgriffen macht er das Boot wieder flott.

Carla, Henry und ich fahren auf den See hinaus, während Mycroft und Dr. Nidelven am Ufer zurück bleiben. Während ich das Boot hinausrudere, umfängt mich eine nicht näher definierbare Befangenheit, das klamme Gefühl in meiner Brust. Dieses beklemmende Gefühl wird stärker, je näher wir dem gelben Leuchten kommen.

Wir erreichen die Stelle, von der das Leuchten auszugehen scheint, doch von hier oben können wir nicht viel erkennen. Wir lassen ein Lot hinab, um zu prüfen, wie tief der See an dieser Stelle ist. Es sind etwa neun Meter. Zurück am Ufer berichten wir von unseren Erkenntnissen. Dr. Nideleven will in den See hinabtauchen und eine Probe vom Grund mitbringen. Sie entledigt sich ihrer Kleider bis auf die Unterwäsche und stürzt sich beherzt in die moderigen Fluten. Nach einigen Minuten kehr sie wohlbehalten ans Ufer zurück. Auch eine Probe vom Grund des Sees hat sie mitgebracht, allerdings scheint diese nichts Außergewöhnliches zu enthalten. Es ist einfach nur Schlamm. Wir tappen noch immer im Dunkeln.

„Da gibt es noch diese Insel, die sollten wir uns mal ansehen“, schlägt Mycroft vor und tauscht den Platz im Boot mit Carla. Ich rudere ihn und Henry über den See. So langsam komme ich mir vor wie einer dieser venezianischen Gondoliere, die verliebte Pärchen durch die Kanäle der Stadt chauffieren.

Als wir die Insel erreichen, machen sich Henry und Mycroft von Bord, um das kleine Eiland zu erforschen. Es dauert nicht lange, bis sie mit einen Picknickkorb und einem Stapel Notizblätter zurückkehren. Zurück am Ufer gehen Mycroft und ich der angebrochenen Rotweinflasche aus dem Picknickkorb, an den Kragen, bevor wir alle zusammen uns auf den Weg zurück ins Severn Star machen. 

Henry nimmt sich die leeren Notizblätter vor. Der Durchdruck von Textfragmenten, die auf einem oder mehreren Blättern über dem obersten geschrieben worden sein müssen, hat ihn neugierig gemacht. Er fertigt eine Frottage an und zum Vorschein kommen Teile eines Gedichtes, doch der Sinn erschließt sich uns nicht.

Wir konfrontieren Lord Salthurst mit dem Gekritzel, doch er kann sich auch keinen Reim darauf machen. Vielmehr sorgen die Textfragmente für noch mehr Verwirrung bei ihm. Er versucht die Worte auszusprechen. Mich überkommt dabei ein mulmiges Gefühl.
“Es ist wahrscheinlich keine gute Idee, diese Worte laut auszusprechen. Es könnten schlimme Dinge passieren“, denke ich bei mir.

Lord Salthurst sieht mich entgeistert an. Auch meine Freunde werfen mir Blicke zu, als wäre ich nicht ganz bei Trost.
“Warum sagen Sie soetwas?“, fragt Lord Salthurst. Habe ich meine Gedanken etwa gerade laut ausgesprochen?
“Hören Sie nicht auf ihn“, lenkt Dr. Nidelven ein und zieht die Aufmerksamkeit des Lords wieder auf sich. Er fragt auch nicht weiter nach, aber ich muss aufpassen, dass mir soetwas nicht häufiger passiert.

Lord Salthurst kann uns letztlich mit dem Gedicht nicht weiterhelfen, doch Mycroft erbittet und erhält seine schriftliche Genehmigung, Agatha Stones Leichnam zu untersuchen.

Nachdem wir das Anwesen verlassen haben, weiht uns Mycroft in seine Pläne ein, den Geist von Agatha befragen zu wollen. Mit dem Schreiben von Lord Salthurst ist es auch kein Problem, in die Leichenhalle zu kommen. Auf dem Weg dorthin kauft Mycroft noch ein Kaninchen in einem Petshop, denn das Ritual erfordert das Opfer eines kleinen Tieres. In der Pathologie verwickelt Henry den diensthabenden Officer in ein Gespräch, damit Mycroft in Ruhe sein Ritual vollziehen kann. Carla ist ebenfalls bei uns, um Mycroft mit ausreichend magischer Energie zu versorgen.

Wir betreten die Leichenhalle. Der Geruch von Tod, gepaart mit den sterilen Ausdünstungen desinfizierter Oberflächen, liegt in der Luft. Ich verspüre Hunger, nein, eigentlich ist es nicht wirklich ein Hunger, zumindest nicht im physiologischen Sinne, es ist mehr ein Appetit, eine Begierde, ein wachsendes Bedürfnis.
„Hier ist sie“, flüstert Mycroft in den Raum. Er hat Agathas leblosen Leib gefunden. Sorgsam beginnt er sein Ritual vorzubereiten. Das Kaninchen stirbt durch sein Messer und der Geist von Agatha erwacht zum Leben. Mycroft stellt seine Fragen, die der Geist gezwungen ist wahrheitsgemäß mit “Ja“ oder “Nein“ zu beantworten.

Ich lausche Mycrofts Fragen und Agathas Antworten. Agatha war wohl eine Zauberkundige und ihr war auch die Existenz außerirdischer Entitäten auf unserer Welt und im Universum bewusst. Das Wesen, dass im See lauert, war wohl aus Versehen gerufen worden, als ihr das Gedicht vorlas. Das Gedicht selbst liegt nun wohl auf dem Grund des Woolgreens Lake und wird dort von einem Wesen beschützt. Wir müssen das Gedicht bergen und vernichten, wenn wir den Fluch brechen wollen.

Mycroft entlässt Agathas Geist, nachdem er all seine Fragen gestellt hat. Nur der leblose Leib bleibt zurück. Während ich ihren Leichnam betrachte, frage ich mich, ob es jemandem auffallen würde, wenn ich ein kleines Stück ihres Fleisches zu mir nehmen würde, aber das würde es wahrscheinlich und ich beschließe, es nicht auf den Versuch ankommen zu lassen und meinen Hunger zu ignorieren. Es herrscht bereits genug Verwirrung.

Wir beseitigen die Spuren unseres Treibens und verlassen kurz nach 1 Uhr am Morgen das Leichenhaus. Mycroft klärt Henry über unsere Erkenntnisse auf, ich laufe schweigend und neben ihnen her und grüble vor mich hin. Nach einer Weile nimmt Mycroft mich zur Seite.

„Mach dir keine Sorgen, Shinyū“, sagt er, „es wird genug Leichen für dich geben.“
Damit bringt er mich zum Schmunzeln. Sein Bodycount ist beachtlich.
„So viele Tote, wie deinen Pfad säumen, kann ich in meinem ganze Leben nicht verspeisen, selbst wenn ich tausend Jahre alt würde“, erwidere ich. Ich finde es rührend, wie mein Freund sich um mich kümmert und versucht, mir zu helfen – ist er doch bislang der Einzige, den ich bezüglich meines neu eingeschlagenen Weges ins Vertrauen gezogen habe – doch ich werde meinen Weg ohne ihn gehen müssen. Er wird mir nicht helfen können, die verborgenen Tunnel zwischen den Welten der Träumenden und der Wachenden zu finden und zu beschreiten.

Zurück im Hotel überlegen wir, wie wir die Mission am besten angehen. Den See leerpumpen? Das würde wahrscheinlich erst Recht die Aufmerksamkeit der Entität am Grunde des Woolgreens Lake auf uns richten. Wir entscheiden uns, morgen nach Newport zu fahren und dort zu versuchen, ein oder zwei Tauchausrüstungen zu bekommen.