Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

海水 (Kaisui) – Salzwasser

Mein Schädel brummt, als die morgendliche Sonne mich durch das Dachfenster hinterhältig blendet. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und drehe mich auf die andere Seite, um noch etwas weiter zu schlafen, doch kaum habe ich es mir bequem gemacht, verspüre ich einen unbändigen Durst, der mich nun doch zwingt, aufzustehen. Die Person, die mich aus dem Spiegel im Badezimmer anblickt, erscheint mir fremd. Ich sehe furchtbar aus.

Ich beschließe den Tag trotz bereits etwas fortgeschrittener Stunde – es ist schon halb zwölf – ruhig angehen lasse. Ich bin noch nicht in der Verfassung, etwas zu essen. Ein starker Kaffee muss fürs Erste genügen.

Eine Stunde später fühle ich mich ausreichend regeneriert, um meine Freunde treffen zu können. Ich mache mich zu Fuß auf den Weg nach Halton House. Gegen ein Uhr am Nachmittag erreiche ich den Londoner Wohnsitz des Lords.

Mare geht es noch nicht besser. Als sie heute Vormittag kurz wach war, hatte sie von einem Traum berichtet, von einem Dschungel und seltsamen geflügelten Wesen.

Der Lord und Henry haben derweil noch einmal Harrison aufgesucht. Sie haben wohl sein Vertrauen gewonnen, denn Harrison berichtete ihnen, wie er beobachtet habe, wie einer seiner Kollegen von einer fledermausartigen Kreatur entführt wurde. „Er hat gelacht“, soll Harrison die Situation beschrieben haben, „nicht geschrien, nicht geweint, einfach nur gelacht.“ Harrison selbst will das Land verlassen und sein Glück in Amerika versuchen. Er habe dort einen Bruder, der ihm eine Arbeit bei Pinkerton & Pinkerton vermitteln wolle.

Beim Mittagessen auf Halton House, das nun gereicht wird, sinne ich weiter über den Fall nach. Womit haben wir es hier zu tun? Erstickung durch Salzwasser in der Lunge, fledermausartige Kreaturen… Sehr wahrscheinlich ist hier Magie im Spiel, aber wer steckt dahinter? Bisher haben wir noch keine Hinweise darauf gefunden. Haben wir eigentlich schon alles untersucht? Nein.
„Wir haben uns die Fundorte der Leichen noch gar nicht genauer angesehen“, fällt mir ein.
Das holen wir nun nach und tatsächlich: dort, wo der Mann aufgefunden wurde, der durch Salzwasser in der Lunge erstickte, liegt etwas glänzendes unter dem Fensterbrett. Es ist ein Manschettenknopf mit dem Initial „U“.

Zum 5 o’Clock Tea vergrößert sich unsere Gesellschaft. Mycroft fährt mit seinem Silverghost und in Begleitung von Carla und Dr. Nidelven vor. Carla betritt standesgemäß mit einem trällernden „Halloohoo“ den Salon.
„Du kannst die Koffer jetzt abstellen, Mycroft“, meint sie. Mycroft zuckt lässig mit den Schultern und tut, wie ihm geheißen.

Es leutet erneut an der Tür.
„Major Cyril Newall ist eingetroffen“, verkündet der Hausdiener kurz darauf und der Lord bittet, den Major in den Salon zu geleiten. Der Lord hatte Cyril nach Halton House beordert, da er glaubt, von seltsamen kleine, grauen Wesen beobachtet zu werden, den Greys. Dr. Krebs hatte einige dieser Wesen in seinem Dienst, hatten meine Freunde berichtet, nachdem sie im Dezember letzten Jahres das Severn Valley besucht hatten. Cyril Newall soll nun für die Sicherheit von Halton House sorgen.

Mycroft empfiehlt sich.
„Du willst schon wieder weg?“, fragen Cyril und ich wie aus einem Munde.
„Ja, ich habe noch etwas in Bristol zu erledigen“, antwortet Mycroft.

Carla zeigt sich entsetzt darüber, dass ihre Pergamente abhanden gekommen sind.
„Ihr habt mir euer Wort gegeben, Ihr habt gesagt, dort wären sie sicher“, beschwert sie sich bei Lord Carnarvon, welcher seinerseits liebevoll beschwichtigend auf sie einzuwirken versucht.

Ein leises Tapsen nähert sich dem Salonzimmer. Eine leichenblasse Mare kommt zitternd in eine Decke gehüllt, in den Salon geschlichen und setzt sich auf dass Kanapee neben dem Ofen. „Ich brauche etwas Gesellschaft“, murmelt sie matt ob unserer besorgten und verwunderten Blicke.

Die Ärzte wissen nicht, wie sie Mare helfen können. Eine solche Krankheit hätten sie noch nie gesehen. Mare leidet unter schweren Atemproblemen, aber die Mediziner kennen die Ursache nicht. Die Medikamente scheinen auch nicht wirklich zu helfen.

Dr. Nidelven schlägt vor, Mare zu hypnotisieren, um in diesem Zustand das Siegel, das den Fluch ausgelöst hat, zu zeichnen. Dr. Nidelven meint, mit der Methode können Informationen aus dem Unterbewusstsein freigelegt werden. Cyril erkundigt sich nach Vorbereitungsmaßnahmen. Risiken werden erörtert. Dr. Nidelven bittet Henry um sein magisches Schutzband, welches er auch gerne zur Verfügung stellt. Dann versetzt sie Mare in Hypnose und führt sie in die Garage. Der Lord, Carla und Cyril begleiten sie. Henry und ich bleiben im Salon zurück.

Nach einer Weile bemerke ich Cyril, der Mare , die deutlich schwächer wirkt, stützt und in das Gästezimmer im ersten Stock bringt. Kurz darauf stoßen Carla, der Lord und Dr. Nidelven zu uns. Auch Cyril kehrt in den Salon zurück. Gemeinsam betrachten wir die Skizzen, die Mare unter Hypnose gezeichnet hat.

Carla hat beim Anblick der Zeichnungen – Dr. Nidelven hat Mare das Symbol in zwei Teilen zeichnen lassen, um zu Verhindern, dass beim Anblick eines vollständigen, intakten Zeichens der Fluch erneut freigesetzt wird – eine Erkenntnis. Das Siegel steht mit einem Wesen namens Yibb-Tstll in Verbindung, welches im Dschungel von Kled zu Hause sein soll. Der Dschungel von Kled… irgendetwas klingelt da bei mir. Mir ist, als hätte ich diesen Namen schon einmal irgendwo gehört, aber ich erinnere mich nicht genau, wo und in welchem Zusammenhang.

Meine Überlegungen werden unterbrochen, als aus dem ersten Stock Hilferufe zu uns hinunterdringen. Es ist die Krankenschwester, die Mare betreut. Mare ringt nach Luft und hustet Wasser, Salzwasser um genau zu sein. Sie droht zu ersticken. Geistesgegenwärtig kommt Dr. Nidelven auf die Idee, die Symtome des Fluchs durch das Auflegen eines Älteren Zeichens zu lindern. Sie legt Mare das Schutzamulett auf die Brust und tatsächlich legt sich der Husten. Mare sinkt erschöpft auf ihr Kissen und schläft sofort ein.

Wir sind ratlos. Das Ältere Zeichen mag den Fluch vielleicht mildern und ihn eine Weile aufhalten, aber langfristig ist das keine Lösung. Wir müssen eine Möglichkeit finden, diesen Fluch zu brechen, doch dafür müssten wir zunächst wissen, mit was für einem Zauber wir es hier zu tun haben. Meine Freunde wollen in den Buchbeständen des Lords schauen, ob sie hier hilfreiche Informationen finden. Ich verzichte darauf, sie bei ihren Recherchen zu unterstützen. Seit meiner Rückkehr von Caleano meide ich Bibliotheken. Während die anderen über den Büchern hocken, schlage ich lieber im Garten ein paar Suburi.

Nach einer knappen Stunde treffen wir uns wieder. In einem der Bücher des Lords haben sie weitere Hinweise gefunden. Der Dschungel von Kled liegt in den Sechs Königreichen. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Die Traumlande – meine andere Heimat – dort habe ich die Leute von diesem Dschungel reden hören. Auch den Namen des Fluches haben meine Freunde ausfindig machen können. Er lautet „Beschwöre die Schwärze“. Was sie aber leider nicht finden konnten war ein Gegenzauber. Vielleicht kann man uns in den Traumlanden weiterhelfen? Wir beschließen heute Nacht jeder für sich zu versuchen, in die Traumlande zu reisen.

Nachdem wir uns soweit ausgetauscht haben, mache ich zusammen mit Henry, Beatrice und Cyril eine Spaziergang durch den Hyde Park. Ich habe mein Schwert gegürtet, was Cyril interessiert zur Kenntnis nimmt.
„Ich habe vorhin aus der Bibliothek gesehen, wie du mit deinem Schwert trainiert hast“, erzählt Cyril während unseres Spaziergangs, „das sah ziemlich beeindruckend aus.“
Ich bin froh, dass die einsetzende Dämmerung die Schamesröte, die mir gerade ins Gesicht steigt, kaschiert. Cyrils Kompliment bringt mich irgendwie in Verlegenheit. Ich verstehe selbst nicht so ganz, warum.
„Kannst du auch mit dem Schwert umgehen?“, frage ich Cyril.
„Ja, ein bisschen“, antwortet er, „ich kann aber besser schießen.“
Ich erzähle Cyril von meinen Plänen, eine Kampfkunstschule zu eröffnen. Er zeigt sich sehr interessiert und als ich ihn auf einen Trainingskampf am heutigen Abend in meinem Dōjō einlade, willigt er begeistert ein. Wir unterhalten uns angeregt und tauschen uns über Kampfstrategien, philosophische Ansichten und Erlebnisse mit unserem gemeinsamen Freund und Kameraden Mycroft aus. Ich fühle mich sehr gelöst und irgendwie fröhlich… Ein seltenes Gefühl, das mir schon beinahe fremd geworden ist.

Nach dem Dinner auf Halton House mache ich mich mit Cyril gemeinsam auf den Weg zur Cannon Row 7, um meinem Angebot nachzukommen. Ich bitte Cyril die Schuhe im Vorraum zum Dōjō auszuziehen und den Trainingsraum barfuss zu betreten. Gerne kommt er meiner Bitte nach. Ich nehme zwei Bokutō aus meinem Schwertständer, werfe eines Cyril zu, der es gekonnt mit einer Hand auffängt, und bringe mich in Position. Auch Cyril macht sich kampfbereit. Ich gehe in den Angriff und bereite einen Shōmen-uchi, einen direkten Schlag von oben auf den Kopf des Gegners, vor. Ich habe das Schwert bereits über meinen Kopf gehoben und will es mit einem weiteren Schritt nach vorn direkt fallen lassen, doch dann stolpere ich über den Rand einer Tatami. Ich verliere das Gleichgewicht. Das Schwert gleitet mir im Bogen aus der Hand und fliegt in Richtung Dōjō-Decke. Ich drehe mich auf den Rücken, um besser auf einen möglichen Gegenschlag reagieren zu können und sehen mein Bokutō auf mich zutaumeln. Obwohl es mir noch gelingt, meine Hände hochzureißen und meinen Kopf zu schützen, erwischt die Tsuba schmerzhaft meine Unterlippe.
„Ist alles in Ordung? Geht es dir gut?“, fragt Cyril besorgt.
Ich richte mich etwas benommen auf. Blut tropft von meiner Lippe auf die Matte. Ich taste nach dem Taschentuch unter meinem Kimono und drücke es auf die Wunde.
„Ja, ich denke schon“, antworte ich und versuche aufzustehen. Dabei merke ich, dass ich mir offenbar auch den Fuß angeknackst habe. Nichts schlimmes, aber ein bis zwei Tage sollte ich mich vielleicht schonen. Schlimmer hat es mein Selbstwert- und mein Ehrgefühl erwischt.
„Wir sollten das vielleicht an einem anderen Tag fortsetzen“, schlage ich vor. Cyril zeigt sich verständnisvoll und ist einverstanden.
„Soll ich dir ein Taxi rufen“, frage ich, doch Cyril lehnt ab. Er möchte lieber laufen.
„Lass das unter uns bleiben“, bitte ich ihn, bevor er geht.
Er versichert mir seine Verschwiegenheit.

Kaum, dass Cyril mein Haus verlassen hat, verwandelt sich meine Beschämtheit in Wut, der ich mit einer Vielzahl japanischer Flüche Ausdruck verleihe. Als ich davon genug und mich wieder beruhigt habe, versorge ich erstmal meine Verletzungen, lege meinem Fuß einen Stützverband an und reinige, desinfiziere und verpflastere die Platzwunde auf meiner Unterlippe.

Ich meditiere über diese Begebenheit und versuche sie von außen mit Ruhe zu betrachten. Eigentlich ärgere ich mich nur über mich selbst. Ich habe die Grundprinzipien des Budō missachtet, habe mich ablenken und von falschem Antrieb leiten lassen. Erst jetzt wird es mir so richtig klar. Cyril gefällt mir und ich wollte ihn beeindrucken. Das ist wohl mächtig nach hinten losgegangen. Ich atme ruhig und tief, einige Male, intensiv und bewusst. Es gefällt mir nicht, was ich fühle, aber ich kann es auch nicht abstellen. Ich werde es einfach aushalten müssen, bis es irgendwann vorbei ist, und das wird es sein. Es wäre nicht das erste Mal.