Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

宿運 (Shukuun) – Schicksal

Auch an diesem Morgen lässt mich die wachsende Dunkelheit in meinem Innern nicht los. Es ist nicht die warme und schützende Dunkelheit der Königin der Nacht, es ist vielmehr eine bedrohliche und kalte Finsternis, ohne Aussicht auf Entkommen, die mehr und mehr Macht über mich gewinnt. Trübsinnig und lustlos nehme ich mein Frühstück ein.

Der Lord und Mary-Ann brechen nach dem Frühstück ins St. Mary‘s Hospital auf. Dorthin ist der aufgedunsene Körper von Blakely nach dem gestrigen Brand verlegt worden. Sie wollen sehen, wie es dem Patienten geht.

Wir anderen bleiben auf Halton House. Vermutungen, dass es sich bei Blakelys Bildern um Portale zu den Orten hinter der Leinwand handelt, werden geäußert. Die Idee ist gar nicht so abwegig. Als der Lord und Mary-Ann zurück kommen, unterrichten Dr. Nidelven und Henry den Lord darüber, dass wir über das Gemälde „Schicksal“ versuchen wollen, in die Traumlande zu reisen, doch der Lord hat zunächst ganz andere Probleme zu bewältigen. Mary-Ann wirkt etwas neben sich. Sie spricht nur von Blakely und davon, dass sie sofort zurück ins Krankenhaus müsse, um ihre Forschung fortzusetzen. Sie ist von der gleichen Besessenheit befallen, wie die anderen Ärzte und Schwestern, die sich Blakelys Gegenwart zu lange ausgesetzt haben. Nur ein „Spezialtee“ aus Dr. Nidelvens Repertoire schafft es, die euphorische Apothekerin von ihrem Vorhaben abzubringen und sie vorläufig ruhig zu stellen. Vom Laudanum benebelt entgleitet Mary-Ann sanft in das Reich der Träume.

Nun, da dieses Problem gelöst ist, können wir uns unserem eigentlichen Vorhaben widmen. Henry, Mare, Dr. Nidelven und ich stellen uns vor dem Bild auf, jeder mit Schutzrobe und einem Älteren Zeichen ausgestattet. Henry trägt das Henkelkreuz, das sie in Blakelys Atelier gefunden hatten, bei sich. Ein Band aus magischem Stoff, den sie erschaffen hatten, um den Hund von Tindalos zu fangen, als ich in den Traumlanden festsaß, wird um das Bild gelegt, um etwaig entkommen Wollendes daran zu hindern, unsere Welt zu betreten. Ich sehe das Bild heute zum ersten Mal. Es zeigt ein Krankenbett, in dem jemand liegt. Das Bett sieht dem Krankenbett von Blakely, das er im Hospital am Bryanston Square belegte, zum Verwechseln ähnlich. Es steht in einem weiß gekachelten Raum vor einem großen, schwer wirkendem Tor. Die Art der Malerei ist wirklich beeindruckend. Das Gemälde wirkt, als wäre es lebendig. Die Schatten an den Wänden scheinen sich – wenn auch kaum merklich – zu bewegen. Rauchschwaden hängen in der Luft. Auch hier sieht es aus, als würden sie sich ganz langsam durch den Raum wabern. Henry meint, dass die Rauchschwaden beim letzten Mal, als er das Bild gesehen hatte, noch nicht da waren. Das ist irgendwie unheimlich.

Noch unheimlicher wird mir, je länger ich das Kunstwerk betrachte. Die Realistik des Werkes verursacht mir Schwindel. Gerade, als ich das Gefühl habe, die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren, finde ich mich neben dem Bett aus dem Bild in dem weiß gekachelten Raum wieder. Ich trage nichts außer der Krux Ansantas Robe und dem Älteren Zeichen. Offenbar sind wir nur geistig in die Traumlande gewechselt, so dass wir nur die magischen Dingen an unserem Leib mitnehmen konnten.

Ich schaue mich unsicher um. Aus dem Bett winden sich feingliedrige Pseudopodien auf uns zu. Angewidert weiche ich den Auswüchsen aus. Ich will mich nicht von Ihnen berühren lassen, auch wenn ich nur in meinem Traumleib hier anwesend bin. Es riecht nach faulem Eiter und kaltem Rauch. Die Schatten an der Wand zeigen nun deutliche, eigenständige Bewegungen. Mir läuft ein eisiger Schauer den Rücken hinunter.

Hinter dem Bett zeigt sich deutlich das Tor, das auch auf dem Gemälde zu sehen war. Auf der gegenüberliegenden Seite öffnet sich ein dunkler Gang. Um an das Tor zu kommen, müssten wir am Bett. an den tentakelartigen Extensionen, die sich gierig nach uns ausstrecken, und den unheimlichen Schatten, die nach uns greifen, vorbei. Nicht nur mir ist unwohl bei dem Gedanken daran und so entscheiden wir, den Gang zu nehmen und von dort aus einen Weg nach draußen zu finden.

Links und rechts des Ganges gehen Türen ab. Henry versucht die ein oder andere derer zu öffnen, doch alle Türen scheinen verschlossen zu sein. Fahles, unheimliches Licht fällt aus dem Raum des „Schicksals“ hinein.

Der Gang wird steiler, sehr viel steiler. Es fühlt sich an, als würde er sich bewegen, als hebe eine riesige Hand den Pfad, auf dem wir wandeln, an. Wir halten uns aneinander fest, um uns gegenseitig zu stützen und nicht einzeln in die Tiefe zu rutschen, doch so sehr wir uns auch bemühen und anstrengen – irgendwann ist der Gang einfach zu steil. Fast senkrecht führt er mittlerweile nach oben. Henry, der voran geht, verliert als erster den Halt und reißt uns anderen mit in die Tiefe. Der Schwerkraft gnadenlos ausgeliefert rutschen, purzeln und rollen wir zurück in das Ausgangszimmer. Ich fange mich während des Falles wieder und lande stabil und sicher auf meinen Beinen, bereit, es mit allem aufzunehmen, was sich mir entgegen stellt. Für einen Moment habe ich die Kontrolle über mich zurück, doch Als Henry mich anspricht, zucke ich erschrocken zusammen. Die unheimlichen Schatten an der Wand werfen mich erbarmungslos zurück in mein Gefängnis aus Furcht und Beklemmung. Ich verachte mich für diese Schwäche. In einem panischen Schrei macht sich meine Wut und meine Verzweiflung Luft. Meine Instinkte funktionieren nur noch bedingt. Ich fühle mich verloren und hilflos. Der Geist des Kriegers in mir schwindet und ich fürchte mich davor, dass es so bleiben könnte. Das wäre eine Schande, mit der ich nicht leben wollen würde.

Nun bleibt noch das Tor. Mehr oder weniger geschickt winden wir uns an den Pseudopodien vorbei. Das Tor ist mit einem schweren hölzernen Riegel verschlossen. Nur mit vereinten Kräften gelingt es uns, den Balken zu liften. Kaum, dass wir den Riegel aus seiner Halterung entfernt haben, stürzt mit gewaltiger Kraft ein Strom von salzigem Wasser über uns hinweg und flutet den Raum. Hektik und Panik brechen aus. „Denkt an die Lichtung!“, höre ich Mare rufen, doch dann erwache ich in der Bibliothek von Halton House. Ich trage meine Kleider, auch die, die ich nicht mit in die Traumlande nehmen konnte, und ich bin bis auf die Haut durchnässt. Den anderen, die mit in das Bild reisten, geht es ebenso. Ich zittere, jedoch nicht nur der Kälte wegen. ‚Ich muss irgendwie zur Ruhe kommen‘, wird mir klar, aber an Ruhe ist gerade nicht zu denken.

„Die Zeit wird knapp“, meldet sich Dr. Krebs in meinem Geist, „ich hätte mehr von dir erwartet!“
Diese Rüge trifft mich hart, denn er spricht die Wahrheit. Die Chancen, dass ich mein Versprechen an den Mi-Go erfüllen kann, schwinden. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst und es sieht nicht so aus, als könnte ich meiner Misere entkommen. Ich kann meine Sorgen noch nicht einmal mit jemandem teilen.