Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

到達 (Tōtatsu) – Ankommen

Ich erwache, das erste Mal seit einer gefühlt sehr langen Zeit. Es ist für meine Verhältnisse noch recht früh am Morgen. Kurz vor acht Uhr zeigt die Wanduhr an. Ich trage noch immer meine Kleider, die ich schon am Leib hatte, als ich mit Mycroft in die Bibliothek aufgebrochen bin.

Ich weiß nicht genau, wie lange ich geschlafen habe, aber es dürften mehr als zwölf Stunden gewesen sein. Auch, wenn mein Körper sich erholt und ausgeruht fühlt, leidet meine Psyche noch immer unter den Folgen meiner Erlebnisse der jüngsten Tage.

Ich sitze einen Moment im Fersensitz auf der Matte und atme dreimal ruhig und bewusst durch alle Glieder meines Körpers, dann fühle ich mich etwas besser. Ich lege meine alten Kleider ab und werfe mir eine Yukata über, bevor ich auf eine Tee hinunter in die Küche gehe.

Während ich am Küchentisch warte, bis Amanda den Tee bereitet hat, beobachte ich am Gartentor eine Gruppe von Leuten, die sich angeregt unterhält. Es sind die Harringtons, meine direkten Nachbarn, und ein weiteres Ehepaar, das unweit von hier ein Haus besitzt. Bei Ihnen ist ein fremder Mann, der Fragen zu stellen scheint und sich Notizen macht. Ich vermute, dass es ein Ermittler der Polizei oder der Redakteur einer Zeitung ist.
‘Wenn man etwas von mir wissen will, wird man mich schon fragen’, denke ich bei mir und hoffe, dass es nicht so kommen wird.

Doch meine Hoffnungen sollen sich nicht erfüllen. Kurze Zeit später läutet es. Der Fremde steht vor meiner Tür. An seinem Hut trägt er das Zeichen der TIMES. Ein Reporter also. Ich bereue jetzt schon, dass ich die Tür überhaupt geöffnet habe.

“Guten Tag, ich bin Tim Lee von der TIMES”, sagt er und streckt mir seine Visitenkarte entgegen, “und wer sind Sie, Sir?”
“Was wollen Sie?”, frage ich barsch zurück.
“Ich möchte Ihnen nur ein paar Fragen stellen”, antwortet er, “Sie sind Herr…?”
Er zückt seinen Notizblock und setzt zum Schreiben an.
“Das werde ich Ihnen nicht sagen”, antworte ich in der Annahme, dass meine Nachbar hier ohnehin bereits geplaudert haben, “ich möchte meinen Namen nicht in der Zeitung lesen.”
Mr. Lee macht einen fassungslosen Gesichtsausdruck.
“So etwas sagt nur jemand, der etwas zu verbergen hat”, behauptet er. Er versucht mich einzuschüchtern, um an Informationen zu kommen, aber darauf lasse ich mich nicht ein.
“Hören Sie, ich werde Ihnen heute keine Ihrer Fragen beantworten”, knurre ich ihn an, “Sie gehen jetzt besser. Ich bin in keiner guten Stimmung, Sie haben mich an einem schlechten Tag erwischt.”
“Aber das macht doch nichts”, drängelt er unbeirrt weiter, “wir können doch über alles reden.”
Jetzt versucht er es also über die Vertrauensschiene…
“Vergessen Sie es”, erwidere ich und schlage ihm die Tür vor der Nase zu.
“Ähm… Mr. Okumura…”, höre ich ihn hinter der Tür rufen. Also doch, er kennt bereits meinen Namen, wie ich vermutet habe. Ich öffne die Tür wieder einen Spalt.
“Sind Sie zufällig Erfinder oder beschäftigen Sie sich mit Astronomie?”
“Nein”, antworte ich, “ich schaue zwar gerne in die Sterne, aber es ist nicht mehr, als ein Hobby.”
“Ja gut, danke”, antwortet Mr. Lee. Er sieht jetzt offenbar ein, dass es keinen Sinn macht, mich weiter zu bearbeiten. “Falls Sie es sich anders überlegen und mir vielleicht doch noch ein Interview geben möchten, können Sie mich ja anrufen.” Mit diesen Worten trollt er sich und zieht von dannen. Ich bin erleichtert, als die Tür schließlich endgültig hinter ihm ins Schloss fällt.

Dieser Besuch hat mich ziemlich aufgeregt. Meine Hände zittern und ich bin kaum in der Lage, die Teeschale zu halten. Erinnerungsfetzen der letzten Tage durchgleiten meinen Geist. Der Byakhee, die Bibliothek, Drinen, mein seltsamer Rücksturz zur Erde und der, dem ich diese Rückreise zu verdanken habe. Ein Wunder, dass ich überhaupt noch in der Lage bin, einen klaren Gedanken zu fassen. “Ich muss mich nochmal kurz hinlegen”, meine ich zu meiner Haushälterin, “sind Sie so freundlich, mir ein Bad vorzubereiten, Amanda?”
“Selbstverständlich, Sir”, erwidert sie brav und macht sich auf den Weg ins zweite Zwischengeschoss, um den Badeofen anzuheizen.

Das Zittern meiner Hände legt sich nach einer Weile. Ich nehme die Teeschale und begebe mich in mein Schlafzimmer. Nach ein paar Minuten in Ruhe und Stille beruhige ich mich langsam wieder. Ich suche frische Kleider aus meinem Schrank und lege sie bereit, um mich nach dem Bad sauber einkleiden zu können.

Das Telefon klingelt. Ich höre, wie Amanda den Anruf entgegen nimmt.
“Ich werde Mr. Okumura fragen, ob es passt. Einen Moment bitte, Dr. Jones.”
Ich begegne Amanda auf halber Höhe auf der Treppe.
“Mr. Okumura, Dr. Jones ist am Telefon und wünscht Sie zu sprechen.”
“Danke, Amanda, ich werde gleich rangehen”, antworte ich.

Im Erdgeschoss angekommen nehme ich den Telefonhörer.
“Hallo Dr. Jones”, sage ich in die Sprechmuschel.
“Mr. Okumura”, schallt es mir von der anderen Seite der Leitung entgegen, “wir haben gerade die Nachricht von Ihrer Rückkehr erhalten. Wir sind sehr überrascht. Sie müssen uns alles erzählen, wenn wir uns wieder sehen. Geht es ihnen gut?”
“Ja und nein”, antworte ich, von der Fülle der Fragen im Augenblick schwer überfordert, “körperlich geht es mir gut, aber ich stehe innerlich unter extremer Anspannung.”
“Haben Sie schon mit Dr. Chakley gesprochen?”, will Henry wissen.
“Dr. Chakley?”
“Der Psychologe, der die Hausbelegschaft auf Highclere Castle behandelt”, erklärt Henry, “er soll sehr fähig sein.”
“Das klingt gut. Ich werde ihn anrufen. Sind Sie auch auf Highclere Castle?”
“Nein”, antwortet Henry, “wir sind in London auf Halton House. Wir haben hier mit einen mysteriösen Fall eines Künstlers zu tun. Sehr seltsame Sache.”
“Ich werde mich wohl erstmal ein paar Tage erholen müssen”, sage ich, “danke für Ihren Anruf, Dr. Jones.”
“Keine Ursache”, erwidert Henry, “ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.”
“Ebenso, Dr. Jones”, antworte ich, “grüßen Sie die anderen von mir.”

Auch wenn es nur ein kurzes und nicht sehr tiefgründiges Gespräch mit Henry war, hat mit diese telefonische Unterhaltung doch sehr gut getan. Langsam, Stück für Stück, komme ich wieder auf der Erde an. Ich rufe auf Highclere Castle an, um einen Termin mit Dr. Chakley zu vereinbaren, aber Butler James teilt mir mit, dass der Doktor gerade eine Therapiesitzung leitet und erst in etwa ein bis zwei Stunden erreichbar sein wird. Ich bedanke mich für die Auskunft und lege auf.

Amanda teilt mir mit, dass das Bad bereit ist. Ich nehme mir heute viel Zeit für mein Reinigungs- und Entspannungsritual, gönne mir im Anschluss eine ausgiebige Rasur und lege die frischen Kleider an, die ich zuvor bereit gelegt habe. Ich bin gut aufgelegt, als ich gegen elf Uhr einen erneuten Versuch unternehme, Dr. Chakley auf Highclere Castle zu erreichen.

Er freut sich über mein Interesse und teilt mir mit, dass er sich heute nachmittag um 13:00 ein bis zwei Stunden Zeit für mich nehmen könne. Auch, wenn die Zeit knapp ist, nehme ich das Angebot wahr. Im Moment geht es mir zwar gut, ich fühle mich stabil, aber ich fürchte, dass bereits Kleinigkeiten diesen Zustand wieder ändern können.

Mein Silverghost steht noch auf Highclere Castle, ebenso einer meiner gepackten Reisekoffer. Ich beauftrage Amanda, eine Fahrdienst zu organisieren, der mich nach Highclere Castle bringt. 20 Minuten später fährt die schwarze Petroliumkutsche der Portsmouth Taxi Company vor meinem Haus vor, die mich pünktlich zum Anwesen des Lord bringt.

Dr. Chakley erwartet mich bereits. Er fühlt mir zunächst vorsichtig auf den Zahn und fragt mich nach dem Grund meines Besuches. Ich tue mich etwas schwer. Es fehlt mir an Vertrauen und ich kann die Umstände meiner mentalen Instabilität zwar für mich selbst erklären, aber einem Fremden gegenüber?

Schließlich erzähle ich, dass ich glaube eine Art Blackout gehabt zu haben und dass ich nicht genau wüsste, wo ich in den letzten zwei Wochen gewesen bin. Ich berichte, dass mich in dieser Zeit ziemlich real wirkende Traumbilder erreicht hätten, was ja in gewisser Weise auch der Wahrheit entspricht. Dr. Chakley findet das interessant und möchte wissen, welcher Art diese Träume waren. Ich erzählen ihm alles, an das ich mich erinnern kann – der Kauf des Grundstücks, die Veranlassung der Bauarbeiten, mein Aufbruch in den Süden und mein grandioses Scheitern in Drinen. Dr. Chakley fragt zuweilen nach weiteren Details und macht sich zahlreiche Notizen. Als ich mit meinen Erzählungen fertig bin, sind bereits zwei Stunden vergangen.
“Wie geht es Ihnen jetzt damit, Mr. Okumura”, fragt er schließlich.

Tatsächlich hat es mir geholfen, all die Ereignisse der letzten Tage etwas zu sortieren, indem ich darüber spreche.
“Im Moment ganz gut”, antworte ich.
“Das ist schön”, meint Dr. Chakley, “ich denke trotzdem, dass es sinnvoll sein könnte, wenn wir uns noch ein weiteres Mal treffen. Wann wäre es Ihnen recht?”
Ich weiß zur Zeit noch gar nicht, wo ich wann in nächster Zeit sein werde. Ich fühle mich in der Verpflichtung, zu antworten, aber ich kann es nicht. Dieser Umstand setzt mich ziemlich unter Druck und löst Stress bei mir aus, den ich offenbar nicht verbergen kann. Dr. Chakley macht sich weitere Notizen.

“Das kann ich noch nicht sagen”, antworte ich schließlich, “eventuell nächste Woche, aber ich weiß es nicht…”
“Melden Sie sich einfach, wenn es Ihnen passt”, schlägt Dr. Chakley vor. Ich erkläre mich einverstanden.

Nach dem ausgiebigen Gespräch mache ich noch eine Spaziergang über das Anwesen. Außer dem Personal ist niemand hier. Ich gehe zum Beacon Hill. Alles ist friedlich. Nichts erinnert an irgendwelche unerklärlichen Vorkommnisse. Ich ziehe mein Schwert und führe ein paar Schläge, Stiche und Schnitte durch die Luft aus. Es fühlt sich gut an. Eine halbe Stunde widme ich mich meinem Training, dann überlege ich, ob ich jetzt zurück nach Curdridge oder direkt nach London fahre. Die weite Natur hier draußen, der anbrechende Frühling – das erdet und stabilisiert mich. Andererseits fürchte ich die Einsamkeit der Abendstunden. Keiner meiner Freunde ist hier, um im Zweifelsfall auf mich zu achten, wenn ich die Nerven verliere und Gefahr laufe, eine Dummheit zu begehen. Außerdem könnte ich auch mal wieder nach meinem zukünftigen Dōjō schauen. Laut der Planung von Mr. Watson dürften die Reparatur- und Renovierungsarbeiten in zwei Wochen abgeschlossen sein. Bis dahin wird auch die Einrichtung, die ich vor vier Wochen bestellt habe, aus Japan hier eintreffen. Diese Aussicht stimmt mich höchst heiter.

Guter Dinge komme ich gegen 5 p.m. auf Halton House an. Der Lord, Henry, Carla, Mare, Mary-Ann und Dr. Nidelven nehmen gerade in der Bibliothek den Fünf-Uhr-Tee ein. Mycroft ist nicht bei Ihnen. Eine Weile warte ich von meinen  Freunden unbeachtet an der offenen Tür und höre ihren Gesprächen zu, die für mich nur teilweise Sinn ergeben. Ich fühle mich etwas verloren, nicht ganz dazugehörig zu dieser Gruppe. Es ist nicht das erste Mal, dass mich dieses Gefühl umfängt, aber heute ist es besonders intensiv. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Fragen, die sie mir zweifelsohne stellen werden, nicht beantworten können werde. Selbst, wenn ich es könnte, ich weiß nicht, ob ich es auch wollte.

Ich bedaure, dass die Renovierung meines Stadthauses noch nicht abgeschlossen ist und erwäge gerade, mich in ein Hotel oder Gasthaus zurückzuziehen, als Henry schließlich doch meiner Gegenwart gewahr wird.
“Mr. Okumura!”, ruft er erfreut. Nun bemerken auch die anderen meine Anwesenheit.

Ich versuche, meine Unsicherheit zu überspielen. Das gelingt mir, denke ich, auch ganz gut, aber die Fragen meiner Freunde lassen nicht lange auf sich warten. Vor allem Henry kann seine Neugier kaum zügeln.
“Erzählen Sie schon. Wir sind alle ganz gespannt auf Ihren Bericht.”
Dieser Druck… Ich bereue fast, dass ich überhaupt hierher gekommen bin. Am liebsten möchte ich verschwinden, unsichtbar werden. Ohne dass ich es bewusst steuern würde, bewegen sich meiner Füße über den Boden und beginnen das Kanji 陰 abzulaufen. Bevor ich die Bewegung zu Ende bringen kann, unterbricht mich Henry.
“Setzen Sie sich doch erst einmal und trinken Sie eine Tee mit uns”, lädt er mich ein.
Diese Störung meiner Entrücktheit bringt mich für den Moment zurück. Wovor fürchte ich mich eigentlich?
“Ich habe das nicht allein geschafft, ich hatte Hilfe”, erkläre ich, als mein Anfall von Panik sich gelegt hat, “und diese war nicht umsonst. Ich werde noch dafür bezahlen müssen.”
Weiterhin harren erwartungsvolle Blicke auf mir.
“Mehr kann ich euch nicht sagen”, versuche ich mich aus der Affäre zu ziehen.
“Du kannst nicht oder du willst nicht?”, fragt Carla.
“Ich darf nicht”, antworte ich, “das ist Bestandteil meines Vertrages.”

Im Laufe des Abends erfahre ich mehr über den mysteriösen Fall des Künstlers, den Henry am Telefon erwähnt hatte. Im Hospital am Bryanston Square, das von Lady Almina geleitet wird, wird dieser Mann behandelt. Sein Name ist Nelson Blakely. Er wurde von unbekannten Parasiten befallen, die seinen Körper auf monströse Art und Weise deformiert oder transformiert haben. Allein die Beschreibungen meiner Freunde vom Anblick des entstellten Leibes lösen Übelkeit in mir aus. Ich verspüre alles andere als den Wunsch, mir dieses Phänomen selbst anzusehen.

Blakley hatte, bevor er von dieser seltsamen parasitär verursachten Krankheit befallen wurde, an einem Bild gearbeitet. Es zeigt einen See, spiegelglatt, umgeben von nichts als toten Bäumen. Bemerkenswert an diesem Bild sei seine absolut real wirkende, düstere Atmosphäre. Es sein beinahe so, als würde das Bild seinen Betrachter in sich aufnehmen und in seine Wirklichkeit entführen wollen. Das alles klingt nicht so, als dass ich mich näher damit auseinander setzen wollte.

Der Lord driftet zuweilen in seinen Gedanken ab und murmelt vor sich hin.
“Er ist in den See gefallen”, meine ich zu verstehen und “Es lauert im Traumland”.

“Ich weiß nicht, ob ich euch in dieser Angelegenheit helfen kann”, gestehe ich meinen Freunden, “die letzten Tage haben mich ziemlich mitgenommen. Ich werde wahrscheinlich noch eine Weile brauchen, bis ich wieder ganz hier angekommen bin.” Falls das überhaupt noch möglich ist, überlege ich still weiter.

“Haben Sie mit Dr. Chakley gesprochen?”, möchte Henry wissen.
“Ja, das habe ich”, antworte ich, “und er hat mir auch helfen können.”
“Das ist schön”, meint Henry, “wir können Dr. Chakley bestimmt auch hierher bestellen, damit er Sie weiter behandeln kann, Mr. Okumura.” Der Lord nickt zustimmend.
Ich lehne dieses Angebot ab.
“Es wäre zu viel verlangt, Dr, Chakley nur meinetwegen nach London kommen zu lassen”, wende ich ein.
“Warum diese Bescheidenheit”, widerspricht Henry, “das haben Sie doch gar nicht nötig.”

Mag sein, dass ich mir einiges leisten kann, aber tatsächlich ist es für mich nicht relevant, ob ich Bescheidenheit nötig habe oder nicht. Mir gefällt diese Eigenschaft. Ich habe sie der Erziehung meiner Mutter zu verdanken, die mich schon sehr früh dafür sensibilisierte, dass weltlicher Besitz vergänglich und im Grunde nicht von Bedeutung ist. Meine Familie ist wohlhabend und wir mussten nie wirkliche Entbehrungen ertragen, dennoch haben sich diese Werte, die Okāsan mir vermittelte, tief in mir verankert.
“Bescheidenheit gilt in meiner Kultur als Tugend, mein lieber Dr. Jones”, entgegne ich Henry lächelnd.

Mycroft ist auch nach ein paar Stunden meiner Anwesenheit hier nicht angekommen. Ich weiß nicht, ob sich meine stille Hoffnung, ihn hier zu treffen, heute noch erfüllen wird  und selbstverständlich möchte ich auch wissen, wie es meinem Shinyū geht und ihn nicht länger im Ungewissen über mein Schicksal lassen. Daher frage ich meine Freunde nach seinem Verbleib.

Man teilt mir mit, dass er mit Monsieur Fremont nach Marigny gereist ist, um ein intensives Training mit Tamino durchzuführen. Er hat im Chat Noir, Carlas französischen Landsitz, Quartier bezogen. Ich frage Carla nach der Telefonnummer, welche sie mir gerne überlässt, und erbitte vom Lord die Erlaubnis, seinen Fernsprecher benutzen zu dürfen, was er mir mit einem gönnerhaft-souveränen Lächeln gewährt.

Ich lasse mich über die Telefonvermittlung mit Chat Noir verbinden. Es klingelt, dann hebt jemand den Hörer ab.
“Ja bitte?”
“Guten Abend, Shinyū”, antworte ich.
“Sa… Sa… Sanjūrō?”
“Leiblich und wahrhaftig…”
“Das ist… Wie bist du… Du bist zurück?”
“Offenbar, irgendwie.”
“Wie hast du denn dieses Kunststück zustande bekommen?”
“Das ist etwas kompliziert”, sage ich, “sagen wir es so: ich hatte Hilfe.”
“Hilfe? Was für Hilfe?”
“Außerirdischer Natur. Du kannst dir sicherlich denken, dass  meine Rückfahrkarte nicht umsonst war.”
“Sag nicht, dass du…”
“Doch. Ich habe einen Pakt geschlossen.”
“Oh nein…” Ich kann sein Bedauern und Entsetzen ob dieser Nachricht regelrecht spüren und langsam wird auch mir die Tragweite meiner Entscheidung bewusst.
“Mach dir keine Sorgen”, versuche ich mehr mich als Mycroft zu beruhigen, “ich muss nicht nach Carcosa.” Dass der Yuggoth ein besserer Ort ist, wage ich aber dennoch zu bezweifeln.
“Ich habe Dr. Bernhard Link in den Traumlanden getroffen“, erkläre ich weiter.
“Bernhard Link?”, fragt er überrascht, “und der hat dir geholfen, zurück zu kommen?”
“Nicht direkt “, antworte ich, “es war derjenige, den er für seinen Arzt hält war es, dieser Mi-Go.”
Noch während ich diesen Satz ausspreche, wird mir klar, dass ich gerade dabei bin, meine Abmachung mit Dr. Krebs bezüglich meiner Verschwiegenheit zu brechen. Ich registriere ein blaues Leuchten auf meinem Unterarm und eine Kraft, die die Kontrolle über meine Gelenke und Muskeln übernimmt.

“Und weiter?”, fragt Mycroft am anderen Ende der Telefonleitung.
“Ich fürchte, ich habe bereits zu viel gesagt”, antworte ich, während sich mein Arm sanft aber bestimmt in Richtung Telefongabel bewegt, “Ich muss auflegen.”
“Ja gut”, meint Mycroft, “Ruf mich an, wann immer dir danach ist.”

*Klack*
Der Telefonhörer landet auf der Gabel und die Verbindung wird unterbrochen. Mein Versuch, Mycroft seine Sorgen um mich zu nehmen, dürfte gründlich gescheitert sein.

Betreten betrachte ich meinen Unterarm. Das Leuchten ist verschwunden und ich bin wieder Herr über meine Glieder, aber ein unwohles Gefühl bleibt. Noch etwas fällt mir auf: eine Narbe an meinem Unterarm, die ich mir vor mehr als zehn Jahren zugezogen habe, ist verschwunden. Ich versuche mich zu erinnern, ob ich diese Veränderung schon heute morgen beim Baden bemerkt hatte, aber ich habe einfach nicht darauf geachtet. Ich kann nicht sagen, wie lange dieses Phänomen bereits besteht.

Nachdenklich kehre ich in die Bibliothek zurück, betrachte dabei immer wieder meinen Arm. Die Sache verunsichert mich. Nicht nur, dass Dr. Krebs sich in meinem Geist heimisch eingerichtet hat und vermutlich mehr über mich weiß, als ich selbst, offenbar hat er auch Kontrolle über meinen Körper, wenn er es will. Ich sollte mich so weit wie möglich mit ihm gut stellen, wenn ich die Sache hier einigermaßen überstehen möchte. Widerstand ist zwecklos.

Dr. Nidelven beobachtet mich interessiert.
“Hatten Sie nicht einmal eine Narbe auf Ihrem Unterarm?”, fragt Sie plötzlich und unvermittelt. Ich fühle mich ertappt. Ich weiß selbst nicht, was da passiert ist und wann und wie. Verlegen versuche ich meinen Arm zu verbergen.

Ich antworte nicht, aber nun ist auch die Aufmerksamkeit der anderen geweckt. Wieder beschleicht mich der Wunsch, nicht hier zu sein und mich unsichtbar zu machen, doch statt mich in die Magie zu flüchten, empfehle ich mich und gehe lieber zu Bett. Ich versuche zu träumen, doch die Traumlande empfangen mich heute Nacht nicht.