Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

生死不明 (Seishi Fumei) – Vermisst

Ich habe die letzten beiden Tage damit zugebracht, das schwarze Buch in der Kathedrale zu studieren. Reverend Grimond zögerte ob meiner Bitte zunächst, gewährte mir aber dann in Anbetracht unserer Verdienste dennoch Zugang zu dem Folianten. Ich bin jetzt seit zwei Tagen dabei, die Geschichten und die Magie der Ghoule zu verinnerlichen. Ich konzentriere mich auf den Zauber „Traumreise“, aber die alte Schrift und Sprache ist schwer zu verstehen und es fordert mich sehr, die Worte und Sätze zu verstehen. Auch heute will ich wieder in die Kathedrale St. Mungo, um das Buch zu studieren, aber ein morgendlicher Anruf durchkreuzt meine Pläne.

„Guten Morgen, Shinyū, wie geht es dir? Wie gehen die Studien voran?“
„Alles ist bestens“, antworte ich, „naja, bis auf das mit den Studien. Das geht etwas schleppend voran.“

Mycroft berichtet mir von einem morgendlichen Wutanfall des langsam genesenden Lords, den mal wieder ein Hilferuf erreicht hatte, dieses Mal von Lord Salthurst aus Cinderford im Gloustershire. Sein Sohn Liam ist verschwunden. Bildreich schildert Mycroft das Non-Amusement des Lords ob dieser Bitte. Er sei doch nicht der Babysitter der Nation, habe er geschimpft, bevor er, das Schreiben auf den Frühstückstisch werfend, wutschnaubend davon ging. Natürlich konnten meine Freunde nicht widerstehen und haben sich entschlossen, sich der Sache anzunehmen.

„Lust auf ein bisschen Ablenkung von deinen alten Schriften?“, fragt er. Das ist vielleicht gar keine so schlechte Idee. Ich bin hin und her gerissen. Einerseits zieht es mich in die Kathedrale zu dem Buch, was mir eigentlich so gar nicht ähnlich sieht, anderseits möchte ich auch gerne wieder mit meinem Freund etwas erleben. Das letzte Mal ist schon gut einen Monat her. Das Buch läuft nicht weg, denke ich mir.
„Das wird bestimmt lustig“, freut sich Mycroft, als ich seinem Vorschlag zustimme. Wir werden im Hotel Severn Star, dem bestem am Platz, untergebracht werden.

Ich lasse an der Rezeption eine Reservierung für eine Zugfahrt nach Cinderford vornehmen und telegraphiere meine voraussichtliche Ankunftszeit nach Highclere Castle zu Mycrofts Händen. Dann bereite ich mich auf die Abreise vor, denn der Zug fährt bereits in einer knappen Stunde.

In Cinderford werde ich bereits erwartet. Ein Rolls Royce Silverghost bringt mich direkt zum Anwesen von Lord Salthurst, wo gerade das Mittagessen aufgetragen wird. Beim Essen bringen meine Freunde mich auf den neuesten Stand. Nicht nur von Liam Salthurst, auch seine Verlobte Agatha Stone, eine junge Frau aus dem Goatswood, wird vermisst. Lord Salthurst gehört nicht zum alten Erbadel. Ihm wurde vor drei Jahren der Adelstitel ob seiner Verdienste als Bergbauunternehmer verliehen. Ihm ist es zu verdanken, dass die Bergleute in und um den Forest of Dean soziale Absicherung und eine einheitliche Bezahlung erhalten. Diese Absicherung hatte während der Kriegsjahre dafür gesorgt, dass die Minenarbeiter hier, anders als in anderen Bergbauregionen Englands, nicht in Streik traten und die Kohleförderung für das Königreich gewährleisteten.

Meine Freunde haben die Ermittlungen bereits aufgenommen. Was sie bisher bei der Untersuchung der Zimmer der beiden Vermissten herausgefunden haben, ist wenig beruhigend. Liam war ein Liebhaber der schönen Künste und versuchte sich selbst als Poet. In Agathas Zimmer hatten sie ein Schriftstück gefunden, offenbar Notizen zu einem Gedicht. „Dein sanfter Atem über dem See Hali. Deine Haut aus Alabaster gleich den Türmen von Carcosa.
Ob der Autor dieser Zeilen wusste, was er da schrieb? Der See Hali in der malvenfarbenen Wüste Oreg Na an dessen Ufern sich die gelbe Stadt Carcosa erhebt… Es ist beunruhigend, wie groß der Einfluss des Gelben Königs auf Erden ist. Überall scheint er seine Tentakeln auszubreiten – in der Musik, im Theater, in der Poesie… Verwunderlich ist das jedoch nicht. Hat er doch viele unbewusste und unabsichtliche Anhänger in der modernen Welt. Der wachsende Wohlstand seit der Erfindung der ersten großen Maschinen hat uns träge gemacht. Wer es sich leisten kann, gibt sich obskurer Kunst und dekadenten Vergnügungen hin – den Domänen des maskierten Königs auf dem gelben Thron in der gelben Stadt Carcosa.

Kaum, dass wir das Essen beendet haben, klingelt es. Es sind Beamte von Scotland Yard, die Lord Salthurst darüber in Kenntnis setzten, dass Agatha Stone wieder aufgetaucht ist. Ein Spaziergänger hatte sie in der Nähe des Woolgreens Lake verwirrt und orientierungslos aufgefunden. Sie trug ein zerissenes gelbes Kleid und wird derzeit im Krankenhaus untersucht und behandelt.

Wir fahren zum Hospital, um mehr heraus zu finden. Körperlich ist Agatha unversehrt, aber sie leidet an Gedächtnisverlust. Agatha ist, seit Liam Salthurst sie aus dem Goatswood mit nach Cinderford gebracht hat, zu einer Lokalperönlichkeit geworden, doch nicht eine der Art, die man bewundert und verehrt, vielmehr eine solche, hinter deren Rücken die Menschen sich das Maul zereissen. Mycroft möchte wissen, warum das so ist, doch der Arzt ist diskret und empfiehlt uns, andere Quellen zu konsultieren, wenn wir an Gerüchten interessiert sind. Agatha selbst können wir heute nicht sprechen. Sie ist erschöpft und ruht sich auf dem Krankenzimmer aus.

Wir folgen dem Rat des Arztes und suchen einen Pub auf. Unweit unseres Hotels liegt die Lokalität The Black Swan. Mycroft schmeißt eine Lokalrunde und so kommen wir mit den Gästen ins Gespräch. Die meisten der Anwesenden sind Minenarbeiter, die ihren wohlverdienten Feierabend genießen. Sie halten viel auf Lord Salthurst, auf Agatha sind sie aber nicht besonders gut zu sprechen.

„Die Milch wird sauer“, meint einer. Ein anderer erzählt von gehäuften Fehlgeburten bei Vieh und Mensch, wieder ein anderer erzählt, dass die Vögel vom Himmel fallen. Mycroft gibt noch zwei weitere Lokalrunden aus, aber wir erfahren nicht wirklich viel mehr. Die Dörfler gehen davon aus, dass Agatha Unglück über die Stadt bringt – schließlich ist der Goatswood dafür bekannt, dass dort ein Hexenzirkel sein Unwesen treibt. Ob das jetzt so stimmt oder ob diese Geschichten angeregt durch die Mythen um dem Goatswood vor allem der Phantasie der Minenarbeiter entstammen, wissen wir nicht, also machen wir uns auf die Suche nach konkreteren Anhaltspunkten.

Der Woolgreens Lake scheint ein guter Anfang zu sein. Immerhin wurde dort Agatha aufgefunden. Als wir dort ankommen, meint Mycroft ein gelbes Leuchten in der Mitte des Sees zu erkennen. Henry und Mycroft setzen ihre Hunde ein. Indi und Tamino finden eine Fährte und führen uns in Richtung Ufer des Sees. Auf dem Weg dorthin passieren wir drei tote Rehe, die seltsamer Weise in der Form des gelben Zeichens hingelegt wurden. Alles deutet auf den Unaussprechlichen hin.

„Ploing… ploing… ploing…“ Ein metallisches Hämmern zerreist die Stille. Wir gehen dem nach und stoße auf einen Mann um die 50, der mit einem Hammer auf etwas einschlägt. Es handelt sich um den Pumpeningenieur Ian McKelly, wie er selbst erklärt. Er repariert eine Pumpe, die ungewöhnlicher Weise total verstopft ist.
„Sowas passiert normalerweise nicht“, erklärt er, „nicht einmal bei Unwetter.“

Wir gehen weiter und folgen der Spur, die die Hunde aufgenommen haben. Wir kommen schließlich an das Ufer des kleinen Sees. Ein umgekipptes, bei näherer Betrachtung beschädigtes, Boot liegt dort. Ein gelber Stofffetzen hängt an den geborstenen Planken. Womöglich stammt er von Agathas Kleid.

Wir laufen weiter suchend das Ufer des Sees entlang. Nach einer Weile wird Mycroft auf einen Arm aufmerksam, der etwa zwei Meter vom Ufer entfernt aus dem Wasser ragt. Daran hängt vermutlich ein Ertrunkener. Mycroft, Carla und Mary-Ann steigen ins Wasser, um den Leichnam zu bergen. Während sie den Tote ans Ufer ziehen, platzt die Bauchdecke der Leiche und Mycroft wird von Eingeweiden und Gedärmen überdeckt. Interessiert und keineswegs angewidert beobachte ich das Geschehen. Ich verspüre Appetit, diesen speziellen der ghoulischen Art, aber ich kann jetzt schlecht in der Gegenwart meiner Freunde anfangen, den geplatzten Toten anzuknabbern. Mycroft ist bislang der Einzige, den ich in meine Entscheidung der Ghoulwerdung eingeweiht habe.

Während Mycroft sich reinigt, versuche ich unauffällig etwas von der Leiche abzuknabsen, das ich als kleinen Imbiss für später mitgehen lassen kann. Ich schaue mich nach einem Körperteil um, dass ich entfernen kann, ohne mich zu sehr verdächtig zu machen – ein Finger vielleicht. An der rechten Hand trägt die Person einen Ring, einen Siegelring mit den Initialen L.S. – Liam Salthurst. Die Leiche ist so sehr aufgeweicht, dass der Finger sich beinahe von selbst ablöst. Es braucht nur einen kurzen Ruck und Siegelring samt Ringfinger liegt in meiner Hand. Ich streife den Ring ab und zeige ihn den anderen. Den Finger lasse ich in meiner Tasche verschwinden. Mycroft hat sich inzwischen einigermaßen von den Gedärmen des Toten befreit. Henry ist kreidebleich und ergießt seinen Mageninhalt.

Als Henry sich einigermaßen erholt hat, macht er sich zusammen mit Carla auf den Weg zur Polizei. Mycroft, Mare und ich bleiben zurück. Mycroft möchte mit einem Ritual, das den Geist eines Toten beschwören kann, ein paar Abtworten finden. Wir überlegen gemeinsam ein paar Fragen, die wir Liam Salthurst, der hier mutmaßlich vor uns liegt, stellen wollen. Sie müssen wohl überlegt sein, denn der Geist kann nur mit „Ja“ oder „Nein“ antworten.

Schließlich sind wir soweit und Mycroft beschwört Liams Geist.

„Bist du Liam Salthurst?“, fragt Mycroft als erstes.
„Ja“, raunt die ätherische Gestalt, die über dem Leichnam schwebt.
„Hat der König in Gelb deinen Tod zu verantworten?“, will Mycroft als nächstes wissen.
„Nein“, antwortet der Geist.
„Hat Agatha etwas mit deinem Tod zu tun?“
„Nein.“
„Hast du ein Ritual ausgeführt?“
„Nein.“
„Ist im See etwas Böses?“
„Nein.“
„Hat das Leuchten im See etwas mit dem König in Gelb zu tun?“
„Ja.“

Motorengeräusche nähern sich. Mycroft bricht das Ritual nach der Antwort auf seine sechste Frage ab. Wenig später stoßen Carla und Henry mit der Polizei zu uns, die den Leichenfund aufnehmen und uns noch ein paar Fragen stellen. Die Polizisten wundern sich etwas über den fehlenden Ringfinger. „Wahrscheinlich Fischfraß“, vermutet einer von ihnen. Sie fragen nicht weiter nach. Den Siegelring nehmen sie als Beweisstück mit.

Wir unsererseits fahren zurück ins Severn Star. Mycroft möchte ein Bad nehmen, bevor wir uns zum Salthurst Anwesen fahren, um die Nachricht von Liams Tod zu überbringen. Als wir bei Lord Salthurst ankommen, ist dieser bereits von der Polizei über den Tod seines Sohnes in Kenntnis gesetzt worden. Mycroft bietet unsere Dienste bei der Aufklärung der Umstände an. Viel mehr können wir heute nicht mehr tun. Wir kehren zurück ins Hotel.